Sonntag, 9. September 2012

Filmkritik: Harold und Maude (1971)

Hal Ashby brachte 1971 eine ungewöhnliche Liebesgeschichte in die Kinos: In Harold und Maude verliebt sich ein Teenager in eine Rentnerin. Doch Kitsch muss man hier keinen befürchten, denn dieser Klassiker glänzt vor allem durch seinen skurrilen Humor.

Der 18-jährige Harold kommt aus reichem Hause, ist sehr introvertiert und fasziniert vom Tod. Er begeht regelmäßig Selbstmord, ohne daran zu sterben, fährt einen Leichenwagen und besucht Beerdigungen von Menschen, die er nicht kannte. Seine alleinerziehende Mutter möchte ihren Sohn aus seiner Zurückgezogenheit holen, will, dass er ein respektabler junger Mann wird. Sie kauft ihm einen Sportwagen (der von Harold gleich wieder zu einem Leichenwagen umgebaut wird), schickt ihn zu einem Psychiater und schaltet eine Kontaktanzeige, deren Fragen sie dann aber lieber gleich selber beantwortet. Wie zu erwarten wecken die Schauspielerinnen, Buchhalterinnen und anderen jungen Frauen, die aufgrund der Anzeige immer wieder in das abgelegene Haus kommen, keineswegs Harolds Interesse.
Ganz im Gegensatz zu der Rentnerin Maude, die Harold kennen lernt, nachdem sich beide mehrfach bei Beerdigungen über den Weg gelaufen sind. Die beinahe 80-Jährige ist das anarchistische Gegenstück zu Harolds spießiger Mutter: Sie sammelt Gerüche, klaut Autos und gräbt am Straßenrand Bäume aus, um sie in den Wald zurückzubringen. Harold und Maude treffen sich immer regelmäßiger und beginnen bald, sich ineinander zu verlieben...

Eines kann vorweggenommen werden: Weder eine kitschige Romanze, noch eine (vermutlich sogar heute noch) skandalöse Sex-Szene ist in diesem Film zu finden, denn Harold und Maude ist vor allem eines: Eine groteske Komödie. Die an Pipi Langtrumpf erinnernde anarchistische Verspieltheit Maudes findet sich nämlich auch in der Regie von Hal Ashby wieder: Harolds teilweise spektakulären Selbstmorde, die weder nur Versuche sind, noch inszeniert zu sein scheinen, bleiben immer folgenlos; in einer Gesangsnummer spielt das Klavier auch dann weiter, wenn keiner daran sitzt; Gespräche werden über Ortswechsel hinweg nahtlos weitergeführt und manche Momente sind so skurril, dass sie aus Monty Python's Flying Circus hätten stammen können: So versucht in einer Szene Harolds Onkel Victor, der eine Armprothese trägt, die mit einem Faden zum Salutieren gebracht werden kann, seinen Neffen zu überzeugen, zum Militär zu gehen. Harold ist erst skeptisch, steigert sich dann jedoch in überzogene Gewaltphantasien hinein, die Victor abzuwiegeln versucht. Dann taucht plötzlich Maude auf und mimt eine Friedensaktivistin, die von Harold daraufhin als Kommunistin beschimpft und davongejagt wird.

An dieser und ähnlichen Szenen wird deutlich, dass Harold und Maude auch ein Hippie-Film ist, bei dem das Establishment ordentlich auf's Korn genommen wird: Ob Militär, Polizei, Kirche oder die Psychoanalyse, alle bekommen ihr Fett weg. Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass es in diesem Film nicht die junge Generation ist, die der älteren ihre überkommenen Werte austreiben will, sondern genau umgekehrt. Das Sahnehäubchen fürs Hippie-Feeling ist der schöne Soundtrack mit Liedern von Cat Stevens, von denen zwei sogar extra für den Film komponiert wurden. 

Insgesamt ist Harold und Maude ein wunderbar frecher, satirischer Film, der auch heute noch kein bisschen angestaubt wirkt. Und auch wenn es zum Ende hin doch noch ein bisschen tragischer wird, ist die Aussage klar: Spaß zu haben und für eine bessere Welt zu kämpfen sind zwei Seiten der selben Medaille.

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