Samstag, 26. Januar 2013

Filmkritik: Zeugin der Anklage (1957)

Seit Barbara Salesch und Co. vor einigen Jahren das Fernsehprogramm mit fiktiven Strafprozessen geradezu überfluteten, ist das einst erfolgreiche Subgenre des Gerichtsfilms so gut wie ausgestorben. Früher war das freilich noch anders: Vor allem in den 50er und 60er Jahren war das Justiz-Drama eine gute Gelegenheit, große Stars für anspruchsvolle Rollen auf die Leinwand zu bekommen. Eines der leichtfüßigeren Beispiele für diese Filmgattung ist Billy Wilders Zeugin der Anklage von 1957.

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Der Strafverteidiger Sir Wilfrid Robarts (Charles Laughton) kommt nach einem Herzinfarkt und einem längeren Krankenhausaufenthalt zurück in seine Kanzlei. Begleitet wird er von der strengen Krankenschwester Miss Plimsoll (Elsa Lanchester), die ein striktes Regelwerk aufstellt: Genug Schlaf, kein Alkohol, keine Zigarren und nur einfache Zivilprozesse. Sir Wilfrid hat dafür natürlich nur wenig Verständnis und versucht alles, um an die verbotenen Genussmittel heranzukommen. Doch als noch am selben Tag der wegen Mordes angeklagte Leonard Vole (Tyrone Power) in seine Kanzlei kommt, verweist er ihn tatsächlich zuerst an seinen Kollegen Mr. Brogan-Moore (John Williams). Doch dann taucht Voles Ehefrau Christine (Marlene Dietrich) in der Kanzlei auf. Sie erzählt, dass sie lediglich eine Scheinehe mit Vole eingegangen sei, um nach dem Krieg aus Deutschland ausreisen zu können. Tatsächlich sei sie zur Zeit der Eheschließung bereits verheiratet gewesen, Vole wisse davon aber nichts. Christine ist die einzige, die ihrem Mann ein Alibi geben kann, doch es ist zweifelhaft, ob sie dies vor Gericht auch tatsächlich tun würde. Doch das ist nicht das einzige Problem, denn Vole hat sogar ein gewichtiges Motiv: Das Opfer, eine Dame mittleren Alters, vererbt ihm 80.000 Pfund. Der Fall scheint schwierig zu werden und Sir Wilfrid beschließt, ihn trotz seiner angeschlagenen Gesundheit doch lieber selbst zu übernehmen...

Zeugin der Anklage wird von mehreren Publikationen als einer der besten Gerichtsfilme aller Zeiten bezeichnet. Ob diese Einschätzung wirklich zutrifft, muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Alle Erwartungen, die man an einen Vertreter dieses Subgenres haben kann, werden hier zumindest erfüllt: Der Zuschauer identifiziert sich mit einem ungewöhnlichen Anwalt und begleitet diesen bei seinen Versuchen, die Wahrheit herauszubekommen und gleichzeitig natürlich den Fall zu gewinnen. Das in den USA und Großbritannien bestehende System des Geschworenengerichts sorgt hierbei für besondere Spannung: Die Entscheidung hängt nicht alleine von rechtlichen Vorschriften ab, sondern vor allem davon, wem es besser gelingt, die Jury von seiner Version der Geschichte zu überzeugen: Dem Staatsanwalt oder dem Verteidiger. Unerwartet herbeigeschaffte Beweisstücke und Überraschungszeugen sorgen immer wieder für Wendungen und es bleibt bis zum Schluss unklar, wie das Urteil ausfallen könnte.

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Was Zeugin der Anklage von anderen Vertretern dieser Filmgattung deutlich abhebt, ist der Humor: Die gepfefferten Dialoge zwischen Sir Wilfrid und seiner Krankenschwester sorgen vor allem in der ersten Hälfte des Filmes für viele Lacher und erzeugen damit eine lockere Grundstimmung, die auch für die restliche Laufzeit Bestand hat. Somit hat Billy Wilders Film mit späteren Agatha-Christie-Adaptionen wie Tod auf dem Nil oder Mord im Orient Express letztendlich deutlich mehr gemeinsam als mit anderen Gerichtsdramen des klassischen Hollywood-Kinos. Dies hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Auf der einen Seite liefert Zeugin der Anklage gute Unterhaltung mit ausgewogenen Anteilen an Humor und Spannung und ist damit genau das Richtige für einen vergnüglichen Filmabend. Die mitreißende Dramatik von Filmen wie Die zwölf Geschworenen oder Das Urteil von Nürnberg wird jedoch eher nicht erreicht.

Ob Zeugin der Anklage daher wirklich als ein herausragender Gerichtsfilm bezeichnet werden kann, darf aufgrund der zudem (inzwischen) eher klischeehaften Wendungen und einer eher wenig ausgeprägten Dramatik durchaus angezweifelt werden. Als eine vergnügliche Agatha-Christie-Verfilmung funktioniert der Film dank eines gelungenen Drehbuchs und hervorragender Darsteller jedoch wunderbar.

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