Montag, 25. März 2013

Filmkritik: Silver Linings (2012)

Die Tragikomödie Silver Linings von David. O. Russell war dieses Jahr für acht Oscars nominiert, konnte aber nur in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin den begehrten Goldjungen mit nach Hause nehmen. Gerechtfertigt ist das nicht, denn die humorvolle und romantische Geschichte, in der wirklich jeder einen psychischen Knacks zu haben scheint, ist wirklich rundum gelungen.

Regisseur David O. Russell
Pat (Bradley Cooper), der unter einen undiagnostizierten bipolaren Störung leidet, wird aus einer psychiatrischen Klinik entlassen und zieht wieder bei seinen Eltern Pat Sr. (Robert De Niro) und Dolores (Jacki Weaver) ein. Eingeliefert wurde er, nachdem er den Liebhaber seiner Ehefrau Nikki (Brea Bee) zusammengeschlagen hatte. Trotz einer einstweiligen Verfügung, die ihm verbietet, wieder Kontakt mit Nikki aufzunehmen, ist Pat optimistisch, bald wieder mit seiner Frau zusammen sein zu können. Bei einem Abendessen bei seinen guten Freunden Ronnie (John Ortiz) und Veronica (Julia Stiles) lernt Pat Veronicas Schwester Tiffany (Jennifer Lawrence) kennen, die seit dem Tod ihres Mannes ebenfalls unter psychischen Problemen leidet. Tiffany will an einem Tanzwettbewerb teilnehmen und so gehen die beiden einen Handel ein: Wenn Pat mit Tiffany an dem Wettbewerb teilnimmt, gibt sie Nikki einen Brief von ihm...

Gute Schauspieler können einen schlechten Film nicht retten, aber es hängt nicht unerheblich von der Überzeugungskraft der Hauptdarsteller ab, ob wir einem Film seine Geschichte abnehmen oder nicht. So ist es auch bei Silver Linings. Keine Frage, Drehbuch und Inszenierung von David O. Russell, der auch schon für seinen 2010 erschienenen Film The Fighter für den Oscar nominiert worden war, sind wirklich ausgezeichnet. Die Szene, in der Pat nachts um vier ein Buch aus dem geschlossenen Fenster schmeißt und seine Eltern weckt, um sich lauthals darüber aufzuregen, dass Ernest Hemingway kein Happy End geschrieben hat, ist wirklich grandios gemacht. Aber gerade bei einer Komödie, die sich mit einem so ernsten Thema wie dem der psychischen Erkrankungen beschäftigt, sind Glaubwürdigkeit und ein emotionaler Kern unabdingbar, um nicht in geschmacklosen Klamauk abzugleiten.

Bradley Cooper (Pat)
Bradley Cooper und Jennifer Lawrence schaffen es auf beeindruckende Art und Weise, ihren Figuren diese notwendige Tiefe zu geben. Schon in der ersten Szene, wenn Pat in der Klinik eine Rede an seine Frau übt, wir ihn erst nur von hinten sehen und er sich dann zur Kamera umdreht, ist in seinen Augen deutlich zu sehen, wie verletzlich dieser Mann ist und dass ihm die Welt, in der er sich befindet, genau so instabil vorkommen muss, wie er selbst es ist. Bradley Cooper schafft dies mit einer großen Subtilität und es ist immer lohnenswert, ihm in seinen Szenen genau in die Augen zu gucken, denn sie verraten sehr viel über seinen emotionalen Zustand, selbst wenn er sich gerade normal zu benehmen scheint. Und auch wenn er in späteren Szenen die extremen Stimmungsschwankungen seiner Figur darstellt, schafft Cooper es, dies in einer glaubwürdigen Form zu spielen.


Jennifer Lawrence (Tiffany)
Die Rolle von Jennifer Lawrence ist anders angelegt und dementsprechend unterscheidet sich auch ihr Schauspiel. Tiffany versucht, ihr Trauma unter einer toughen und schlagfertigen Hülle zu verbergen und so wirkt diese Rolle auf den ersten Blick so, als wäre sie deutlich einfacher zu spielen, als die des labilen Pat. Doch dieser erste Eindruck täuscht, denn Lawrence gelingt es, in der ersten Hälfte Tiffanys Verletztheit und Unsicherheit an einigen Stellen schon deutlich durchschimmern zu lassen, auch wenn sie dies immer nur in sehr kurzen Momenten erlaubt. Erst gegen Ende brechen die Emotionen stärker aus Tiffany hervor und es wird deutlich, dass beide Hauptdarsteller ihren Job wirklich ausgezeichnet machen. Auch die Nebenrollen sind so perfekt besetzt, dass es unangemessen erscheint, irgendjemanden besonders hervorzuheben. Egal ob Robert De Niro, Jacki Weaver oder John Ortiz, sie alle sind sehr überzeugend in ihren Rollen.

Die Leistung des Regisseurs ist im Gegensatz eher unauffällig geraten und gerade dafür muss man Russell loben. Durch eine dokumentarische Handkamera, die immer nah an den Gesichtern der Protagonisten ist, wird die starke Identifizierung mit den Gefühlen von Pat und Tiffany überhaupt erst möglich. Extravagante Kamerafahrten oder Perspektiven wären nur ablenkend gewesen in einer Geschichte, in der es um die Menschen geht und nicht darum, kunstvolle Bilder zu produzieren. Und gerade an den großartigen schauspielerischen Leistungen merkt man auch die Qualitäten dieses Regisseurs, der es offensichtlich sowohl geschafft hat, seinen Darstellern ihre Figuren möglichst nahe zu bringen, als auch am Set eine Atmosphäre zu schaffen, in der solche emotionalen Szenen überhaupt erst entstehen können.

Aber nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Trotz allem ist Silver Linings immer noch eine Komödie und es gibt wirklich viel zu lachen in diesem Film, gerade weil er es schafft, die Gratwanderung zwischen Humor und Glaubwürdigkeit zu meistern und an keiner Stelle zu platt wird. Lediglich gegen Ende gibt es ein paar Szenen, die dann doch etwas zu typisch für das Genre romantischer Komödien geworden sind. Aber hey, wir sind hier ja schließlich auch immer noch in Hollywood!

Insgesamt ist Silver Linings eine rundum gelungene Tragikomödie, die es sowohl schafft, viele Lacher zu ernten als auch ihre Figuren mit genug Glaubwürdigkeit und Würde auszustatten, um ebenso auf einer emotionalen Ebene berühren zu können. Geschafft wird dies vor allem durch die herausragenden Darsteller, die ihren Figuren eine Tiefe geben, die schon fast ungewöhnlich für einen Film ist, der im Endeffekt doch wieder auf die alte Frage der romantischen Komödie hinausläuft: Kriegen sie sich, oder kriegen sie sich nicht?


Interessante Links:

Urheber der Fotos von David O. Russel und Bradley Cooper ist David Shankbone. Sie stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported.
Urheber des Fotos von Jennifer Lawrence ist Jenn Deering Davis. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY 2.0).

1 Kommentar:

  1. Also ich fand ihn ganz brauchbar. Damals mehr wegen Jennifer Lawrence angesehen. Und auch der Rest der Besetzung (deNiro vor allem) hat seine Sache recht gut gemacht. Zum Ende hin ist es halt doch nur ein Tanzfilm...

    http://retrobennemann.blogspot.de/

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