Donnerstag, 1. August 2013

Filmkritik: Paulette (2012)

Schon die zweite Woche in Folge auf Platz 1 der deutschen Arthouse-Charts: Die französische Komödie Paulette erzählt von einer alten Dame, die beginnt, ihre Rente durch Drogenhandel aufzustocken.
Bernadette Lafont (2012)

Seit der Pleite ihres Restaurants und dem Tod ihres Ehemanns lebt Paulette (Bernadette Lafont) alleine mit einer niedrigen Rente in einer heruntergekommenen französischen Vorstadt. Die alte Frau ist nicht gerade eine Sympathieträgerin: Sie hat für die meisten Menschen aus ihrer Umgebung nur Verachtung übrig und ist so rassistisch, dass sie nicht einmal mit ihrem dunkelhäutigen Enkel etwas zu tun haben möchte. Eines Tages beschließt Paulette, mit Marihuana zu handeln und wird mit ihren Space Cookies schnell zur erfolgreichsten Dealerin des Viertels. Der beachtliche Nebenverdienst wird schnell in Luxusgegenstände und Kleidung investiert, führt jedoch auch zu einer Reihe von Konflikten. So sind die anderen Dealer des Viertels keineswegs erfreut über die neue Konkurrenz und Paulettes bei der Polizei arbeitender Schwiegersohn Ousmane (Jean-Baptiste Anoumon) droht, der alten Dame auf die Schliche zu kommen...

Das erste Drittel dieser französischen Komödie von Jérôme Enrico ist ausgesprochen unterhaltsam. Dies liegt vor allem an der politisch inkorrekten Protagonistin, die man eigentlich nicht mögen möchte, die einem aber vor allem wegen der tollen Hauptdarstellerin Bernadette Lafont schnell ans Herz wächst. Sprüche wie Paulettes Aussage gegenüber ihrem dunkelhäutigen Priester „Sie hätten es wirklich verdient, weiß zu sein“ schaffen die schwierige Gratwanderung, die ausländerfeindliche Einstellung der Protagonistin humorvoll darzustellen, ohne jemals selbst in rassistische Stereotype zu verfallen. Was den Beginn des Films auch von anderen Komödien der letzten Jahre abhebt, ist die sozialkritische Komponente der Ausgangssituation. Denn es wird sehr deutlich gemacht, dass der einzige Grund für Paulettes Einsteig ins Drogengeschäft eine viel zu niedrige Rente ist, die sie sogar dazu zwingt, in Mülltonnen nach Lebensmitteln zu wühlen.

Im Laufe der Handlung wird jedoch bald deutlich, dass das bereits durch ähnliche Filme wie etwa die britische Komödie Grasgeflüster (2000) bearbeitete Thema über ältere Frauen, die ins Drogengeschäft einsteigen, nur wenig Potenzial für einen wirklich interessanten Spielfilm beherbergt. So bewegt sich die Geschichte auf relativ vorhersehbaren Pfaden und auch die sozialkritischen Aspekte werden bald in den Hintergrund gedrängt. Besonders schade ist es, dass sich Enrico entschlossen hat, seine Protagonistin eine Entwicklung durchmachen zu lassen, die sie all jener Charaktereigenschaften beraubt, die sie zu Beginn des Films noch ausgezeichnet haben. Wenn aus der rassistischen und asozialen alten Frau eine liebende Großmutter wird, ist das sicherlich schön, aber leider auch eine ziemlich konservative und mutlose Entscheidung der Filmemacher. Dass das dramatische Finale des Films dann schließlich nicht die emotionale Tragweite erhält, die eigentlich angemessen wäre und zudem ziemlich unglaubwürdig inszeniert wird, ist zusätzlich ärgerlich.

Paulette ist eine vergnügliche französische Komödie die sich vor allem zu Beginn durch ihre politisch unkorrekte Protagonistin und eine sozialkritischen Botschaft von vergleichbaren Filmen abhebt. Im weiteren Verlauf verliert der Film jedoch schnell seinen Biss und steuert zwar weiterhin unterhaltsam aber auch relativ überraschungsarm seinem unambitioniert inszenierten Finale entgegen.


Urheber des Fotos von Bernadette Lafont ist der Wikipedia-Benutzer Frantogian. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

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