Mittwoch, 20. Mai 2015

Filmkritik: Mad Max: Fury Road (2015)

Im Action-Reboot Mad Max: Fury Road ist der von Tom Hardy gespielte Protagonist mehr als einmal auf weibliche Hilfe angewiesen. Aus diesem Grund wird der Film im englischsprachigen Internet mancherorts als „feministische Propaganda“ bezeichnet. Dabei stellt sich die Frage, was von beidem eigentlich erschütternder ist: Dass starke Frauen im Blockbuster-Kino immer noch die Ausnahme sind oder dass die Abkehr von dieser Praxis von manchen tatsächlich als eine negative Entwicklung angesehen wird …

Wenn man einen Blick auf die Kinohits des 21. Jahrhunderts wirft, führt an Marvel kein Weg vorbei. Mit weltweiten Einnahmen von über 8 Milliarden Dollar ist das Cinematic Universe des Studios das erfolgreichste Franchise der letzten Jahrzehnte, weit vor Harry Potter oder Der Herr der Ringe. Die Rettung der Welt scheint dabei jedoch vor allem Männersache zu sein: Von den sechs Avengers ist nur einer weiblich, Black Widow, und sie ist neben Hawkeye auch das einzige Mitglied des Teams, das noch keinen eigenständigen Film spendiert bekommen hat.
Dieser Umstand ist natürlich keineswegs neu, schon in den 80ern waren es Stallone und Schwarzenegger, die die Kinosäle zum knallen brachten und wenn man noch weiter zurückblickt, musste bereits in der Stummfilmzeit die Jungfrau in Nöten vom männlichen Helden gerettet werden und nicht etwa umgekehrt. Umso erfrischender ist es da, wenn ein Filmemacher sich für einen anderen Weg entscheidet.

Tom Hardy (2010)
Bei Mad Max: Fury Road ist dies jedoch erst auf den zweiten Blick der Fall, denn auch dieser Film hat einen männlichen Helden im Mittelpunkt seiner Geschichte. In einer dystopischen Zukunft, in der es kaum noch Wasser gibt und die wenigen verbliebenen Städte von unterschiedlichen Gangs beherrscht werden, gerät Max Rockatansky (Tom Hardy) in die Fänge des Herrschers Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne), der seinen Sitz in der Zitadelle, einem Fels mit geheimen Wasserreserven, hat. Als die Imperatorin Furiosa (Charlize Theron) mit einem gepanzerten Tanklaster Joes fünf Ehefrauen aus ihrer Gefangenschaft befreit, wird Max bei der anschließenden Verfolgungsjagd als lebende Blutreserve für das kränkliche Gangmitglied Nux (Nicholas Hoult) mitgenommen. Max gelingt es sich zu befreien und ihm bleibt wenig anderes übrig, als sich mit Furiosa zu verbünden, um zu überleben. Diese hat das Ziel, in ihre Heimat zurückzukehren – dem Grünen Ort an dem es noch Pflanzen und Wasser geben soll …

Dem australischen Regisseur George Miller gelang mit seinem 1979 veröffentlichten dystopischen Actionfilm Mad Max ein Überraschungserfolg. Bei einem Budget von gerade einmal 400.000 Dollar nahm der Film weltweit über 100 Millionen Dollar ein und war damit lange Zeit relativ gesehen der finanziell erfolgreichste Film aller Zeiten. Es folgten zwei Fortsetzungen in denen der von Mel Gibson verkörperte Ex-Polizist Max es mit unterschiedlichen Bösewichten aufnehmen musste. Auch in diesen waren Frauen meist nur in unwichtigeren Nebenrollen besetzt, einmal abgesehen von der von Tina Turner gespielten Widersacherin im dritten Teil Jenseits der Donnerkuppel (1985).

Im nun 30 Jahre später veröffentlichten Reboot Fury Road sind die Geschlechterrollen jedoch deutlich ausgeglichener. Max und Furiosa haben gleich viel Anteil an der (zumindest vorerst) erfolgreichen Flucht vor Immortan Joe und seinen War Boys und auch die fünf jungen und eher naiven Frauen bekommen mehrfach Gelegenheit, sich nützlich zu machen. In der zweiten Hälfte des Films stößt außerdem eine rein weibliche Motorradgang zur Gruppe dazu, deren Mitglieder zwar größtenteils ihren Lebensmittelpunkt bereits überschritten haben, die jedoch viel Kampferfahrung einbringen können.

Während professionelle Kritiker den Film fast einhellig lobten (die amerikanische Filmrezensions-Website Rotten Tomatoes zählt 98 % positive Kritiken), werden im Netz einige Stimmen laut, die den Film als feministische Propaganda verreißen. So beschreibt Aaron Clarey im explizit an „heterosexuelle, maskuline Männer“ gerichteten Blog Return of Kings den Film als „a feminist piece of propaganda posing as a guy flick“ und ruft dazu auf, den Film zu boykottiern.
Es ist wirklich erstaunlich, dass es schon ausreicht, einen Film zu drehen, in dem die Heldengruppe am Ende tatsächlich mehr Frauen als Männer beinhaltet, um sich dem Vorwurf feministischer Propaganda auszusetzten, während das gegenteilige Ungleichgewicht seit Jahrzehnten als gottgegeben hingenommen wird. Tatsächlich ist der Film trotzdem klar aus Max männlicher Perspektive inszeniert, was vor allem deutlich wird, wenn er ersmals die fünf jungen Frauen erblickt, die sich gerade  – natürlich in Zeitlupe – den Sand von der Haut waschen. Wirklich feministisch ist in diesem doch eher oberflächlichen Actionspektakel natürlich nichts. Doch manche fühlen sich offenbar schon in ihrer Männlichkeit angegriffen, wenn ein Film dieses Genres einmal keine sexistische Rollenverteilung aufweist.

Doch auch auf ästhetischer Ebene hebt sich Mad Max deutlich vom sonstigen Blockbusterkino der letzten Jahre ab. Während die Avengers, Fantastic Four und anderen Comic-Verfilungen meist in grau-blauer Farbgebung und metallisch-glatten Sets inszeniert werden, liefert Mad Max einen willkommenen Kontrast mit seinen rot-braun-gelben Farben und den schmutzigen und notdürftig zusammengeschustert aussehenden Uniformen und Fahrzeugen. Das Szenenbild lebt von vielen tollen Details und Design-Ideen und liefert eine glaubwürdige und gleichzeitig toll aussehende Darstellung einer Gesellschaft, die sich in vielen Jahren an das Leben in der Wüste angepasst hat. Dies ist auch eine deutliche Weiterentwicklung zur alten Trilogie, die teilweise doch eher nach dem Australien der 80er Jahre als nach einer post-apokalyptischen Welt aussieht.

Der Film war anscheinend von Anfang an als eine zweistündige Verfolgungsjagd geplant und tatsächlich liefert er insgesamt nur wenig mehr als das. Durch die gut inszenierte Action (zum Glück keine Wackelkamera à la Michael Bay) und die spektakulären, weitgehend ohne CGI realisierten Stunts reicht dies jedoch tatsächlich aus, um über die ganze Laufzeit ausgezeichnet zu unterhalten. Die minimalistische Handlung, die skurrilen Charaktere und viele verrückte Ideen (einer der Streitwagen ist z.B. ausschließlich dafür da, die Jagd mit Trommeln und einer feuerspeienden E-Gitarre zu begleiten) geben Fury Road trotz seines 150 Millionen Dollar Budgets außerdem ein erfrischendes B-Movie-Flair.

Wer hinter toughen Frauen im Kino Propaganda wittert, sollte um Mad Max: Fury Road wahrscheinlich besser einen großen Bogen machen. Für alle anderen liefert Regisseur George Miller einen erfrischend anderen Actionfilm, der es trotz einer eher flachen Story schafft, durch tolles Design und spektakuläre Stunts für einen gelungenen Kinoabend zu sorgen.

Urheberin des Fotos von Tom Hardy ist Vanessa Lua. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).

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