Donnerstag, 29. Dezember 2016

Filmkritik: Alles steht Kopf (2015)

1995 brachten die Pixar Animation Studios mit Toy Story den ersten vollständig computeranimierten Langfilm in die Kinos. Inzwischen haben zahlreiche andere Produktionsfirmen nachgezogen und mit Pixeln und Polygonen die handgezeichneten Trickfilme fast vollständig von den Leinwänden verdrängt. Pixar hat also inzwischen viel Konkurrenz bekommen, doch kaum ein anderes Animationsstudio schafft es so gut, seinen Filmen nicht nur Humor und Spannung, sondern auch eine gehörige Portion Gefühl zu verleihen. Das perfekte Beispiel hierfür ist Alles steht Kopf, in dem die Gefühle eines 11-jährigen Mädchens diesmal sogar die Hauptrolle spielen. 

In der Kommandozentrale in Rileys Kopf gibt es alle Hände voll zu tun: An einem großen Schaltpult haben die fünf Emotionen Freude, Wut, Ekel, Angst und Kummer die Fäden in der Hand und steuern die Reaktionen des Mädchens auf alles, was es in seinem Alltag erlebt. Federführend ist hierbei eigentlich stets die Freude, doch als Riley mit ihren Eltern von Minnesota nach San Francisco umzieht, beginnt Kummer immer mehr an Einfluss zu gewinnen. Das passt Freude natürlich überhaupt nicht und sie bemüht sich, ihre stets traurige Kollegin auf freundliche aber bestimmte Art und Weise davon zu überzeugen, dass sie am hilfreichsten ist, wenn sie möglichst nichts tut. Als Riley sich jedoch in ihrer neuen Klasse vorstellt und aus Heimweh in Tränen ausbricht, eskaliert der Konflikt zwischen ihren Emotionen und Freude und Kummer werden in das Langzeitgedächtnis geschleudert. Das Mädchen, von nun an ausschließlich von Wut, Angst und Ekel erfüllt, entscheidet bald darauf, von zu Hause wegzulaufen. Freude und Kummer müssen nun lernen zusammenzuarbeiten, um in die Kommandozentrale zurückzufinden und die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen …

Alles steht Kopf (Originaltitel: Inside Out) ist ein Familienfilm im doppelten Wortsinn. Zum einen ist er für jedes Alter geeignet: Die Kleinsten können die bunten Bilder und die spannende Geschichte genießen, während Schulkinder Spaß daran haben werden, sich vorzustellen, was in ihrem eigenen Kopf für Gefühle und Erinnerungen zu finden sind. Eltern hingegen können viele Wahrheiten über Ehe und Kindererziehung entdecken und werden an der einen oder anderen rührenden Stelle auch die Taschentücher rausholen müssen. Vor allem ist Alles steht Kopf aber auch ein Film über die Familie. Obwohl ein Großteil der Handlung in Rileys Gehirn stattfindet, liegt das Herz dieser Geschichte in der Beziehung zwischen dem Mädchen und seinen Eltern. Dies wird gleich zu Beginn des Films deutlich, als die junge Familie kurz nach Rileys Geburt das erste Mal zusammen ist und das Neugeborene diesen Moment als erste positive Kernerinnerung im Langzeitgedächtnis abspeichert.

Pete Docter (2009)
Foto: nicolas genin
Lizenz: CC BY-SA 2.0
Das Bild wurde beschnitten
Es ist erstaunlich, wie es Regisseur Pete Docter und seinem Team gelingt, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gleichzeitig realistisch und anschaulich umzusetzen. Ob Langzeitgedächtnis, Unterbewusstsein, Träume oder Ohrwürmer: Zahlreiche Aspekte der Psyche werden von Freude und Kummer erkundet und so auch für das Publikum verständlich gemacht. Der eigentliche Plot, der auf dieser Ebene des Films erzählt wird (ein ungleiches Paar muss versuchen, aus einer fremden Umgebung wieder nach Hause zu finden) ist dabei aber so universell, dass die jüngsten Zuschauer auch problemlos ignorieren können, dass alles, was sie sehen, eine Entsprechung in ihrem eigenen Kopf haben soll. Nur sehr selten wird der hohe Anspruch der Filmemacher, möglichst viele Aspekte des Themas abzudecken, zum Problem: So ist ein kurzer Ausflug in das abstrakte Denken, bei dem die Protagonisten immer abstrakter werden, bis sie nur noch zweidimensionale Flächen sind, für Kinder vermutlich nicht nachzuvollziehen. Ein anderer kleiner Kritikpunkt ist ein leichter Hang zu Stereotypen. Das deutlichste Beispiel hierfür ist eine Szene am heimischen Esstisch, die bereits im Trailer ausführlich gezeigt wurde: Während Rileys Mutter empathisch versucht, ihre Tochter über ihren ersten Schultag zu befragen, denkt der Vater nur über Fußball nach und reagiert entsprechend unangemessen auf die Situation.

Michael Pan (2007)
Foto: Helen Krüger
Lizenz: CC BY 3.0
Doch diese Kleinigkeiten können die Begeisterung, die einen beim Anschauen dieses Meisterwerkes erfüllt, kaum bremsen. Denn für jede nicht so gelungene Idee folgen gleich wieder fünf weitere grandiose Einfälle der Filmemacher. So zum Beispiel der unsichtbare Freund Bing Bong (für die deutsche Fassung sehr passend mit Synchron-Urgestein Michael Pan besetzt), der in den Tiefen von Rileys Langzeitgedächtnis herumspaziert und schon länger nichts mehr zu tun hat. Die Figur ist in ihrer Schrulligkeit für viele Lacher gut, hat aber gleichzeitig einen traurigen Kern: Denn zumindest für das erwachsene Publikum ist gleich klar, dass die pinke Mischung aus einem Elefanten und einem Delfin spätestens in der Pubertät völlig aus dem Gedächtnis verschwinden wird. Diese Mischung aus Freude und Melancholie ist exemplarisch für die Stimmung des gesamten Films und auch die letztendliche Message schlägt in dieselbe Kerbe: Traurigkeit ist ein genauso wichtiger Teil des Lebens wie Freude, sie gehört einfach dazu. Und wenn man traurig ist, ist es schön, jemanden zu haben, der einen tröstet und mit dem man über alles reden kann.

Alles steht Kopf ist unbestreitbar einer der besten Animationsfilme der letzten Jahre. Das Konzept ist genial und perfekt umgesetzt und verleiht dem Film eine für das Genre ungewöhnliche Tiefe. So kann er Kinder zum Nachdenken über ihre eigenen Emotionen anregen und wird sicherlich in vielen Familien zu interessanten Gesprächen führen. Gleichzeitig ist er aber auch einfach ungemein unterhaltsam: Lustig, spannend, rührend und mit vielen Wahrheiten über das Familienleben gespickt – Eine klare Empfehlung für alle Altersklassen!


Was andere schreiben

Der Kinogänger“ Ralf A. Linder kann den Hype um Alles steht Kopf nicht ganz nachvollziehen, da ihm die Botschaft zu banal und weite Teile des Films zu konventionell sind. Als positive Ausnahme nennt er den Ausflug ins abstrakte Denken, der in seiner Kreativität genial sei und „andeutet, was möglich gewesen wäre.“
Stefan Rackow von Mannbeisstfilm hat den „kreativ-originellsten Animationsfilm der vergangenen Zeit“ gesehen und hebt besonders positiv hervor, dass trotz aller abgefahrenen Ideen nie der Bezug zur Realität verloren gehe.
Jörg Benne schreibt auf Captain Fantastic, dass der Film „die ganze Klaviatur der Emotionen ausnutzt“ und lobt neben dem optischen Einfallsreichtum auch die Arbeit der deutschen Synchronsprecher.

Wie man ihn sehen kann

Alles steht Kopf wurde am 11. Februar 2016 von Walt Disney Studios Home Entertainment auf DVD, Blu-Ray und Blu-Ray 3D veröffentlicht. In digitaler Form kann der Film bei Amazon Instand Video, CHILI, Google Play, iTunes, JUKE, Maxdome, Sony, Videoload und Wuaki erworben werden. (Stand: 27. Dezember 2016)

Freitag, 11. November 2016

Filmkritik: Westfront 1918 (1930)

Als ich im August meine Filmkritik zu Im Westen nichts Neues (1930) veröffentlichte, machte mich Niels von der Flensburger Gesellschaft für Phantastik auf Westfront 1918 aufmerksam, einen Antikriegsfilm von Georg Wilhelm Pabst, der im selben Jahr erschienen ist und seiner Meinung nach deutlich besser sei. Ob das wirklich stimmt, lässt sich jedoch gar nicht so leicht beantworten.

Zwei Filme über den Ersten Weltkrieg, beide pazifistischer Natur, beide 1930 erschienen, der erste in Deutschland, der zweite in den USA produziert. Der Vergleich zwischen dem heute eher unbekannten Westfront 1918 von G. W. Pabst und Lewis Milestones mit dem Oscar ausgezeichneten Im Westen nichts Neues bietet sich an. Doch die Regisseure wählen sehr unterschiedliche Wege, ihre Geschichten zu erzählen und beide Filme haben ihre Stärken und Schwächen. Welchen man nun als den besseren betrachten möchte, hängt vor allem davon ab, wie man diese gewichtet.

Einer der Faktoren, in denen sich beide Filme deutlich unterscheiden, ist die Inszenierung, vor allem in Hinsicht auf Kamera und Schnitt. Als Beispiel kann hier die jeweils erste Szene dienen: Während Milestone mit einer eindrucksvollen Kamerafahrt beginnt, zeigt Pabst eine vergleichsweise unspektakuläre Sequenz, in der sich eine Handvoll deutscher Soldaten in einem französischen Wohnhaus hinter der Front die Zeit vertreibt. Pabsts Einstieg mit seinen statischen, herkömmlich geschnittenen Kameraeinstellungen ist nicht nur technisch weniger beeindruckend, sondern hat auch ein deutlich geringeres emotionales Gewicht als der kriegsverherrlichende Monolog des Lehrers im amerikanischen Film. Zumindest auf der technischen Seite täuscht dieser erste Eindruck keineswegs: Der moderne, oft mitreißende Inszenierungsstil von Im Westen nichts Neues, mit seiner hohen Tiefenschärfe und mobilen Kamera, ist in Westfront 1918 nirgends zu finden. Insgesamt neigt Pabst zu einer eher nüchterneren und distanzierteren Inszenierung, was seinen Film zum deutlich weniger zugänglichen Werk macht.

Abb. 1
Abb. 1 (© Deutsche Kinemathek / zdf.kultur)
Besonders fällt diese Distanziertheit in den Kampfszenen auf. Während die Zuschauer sich bei Milestone mitten im Gefecht befinden, einmal sogar die subjektive Perspektive eines MG-Schützen einnehmen, zeigt Pabst die Kampfhandlungen oft in Panorama-Einstellungen und in solch einer dokumentarisch-distanzierten Art, dass es für das Publikum manchmal schwer ist, dem Geschehen zu folgen (Abb. 1). Nach einem Schnitt ist es zudem häufig nicht ganz deutlich, in wie fern sich die Kameraperspektive und -position geändert haben, was die räumliche Orientierung sehr erschwert. Aus diesem Grund ist es gelegentlich nur durch Beachtung der Helmform auszumachen, ob gerade deutsche oder französische Soldaten zu sehen sind. Wo sich in dem Chaos die Hauptfiguren befinden, ist teilweise völlig unklar. Dies kann jedoch durchaus auch Absicht sein. Denn so wirkt der Krieg nicht wie eine Bewährungsprobe, welche die Protagonisten stellvertretend für das Publikum durchleben, sondern wie ein chaotisches und sinnloses Gemetzel, in dem eine anonyme Masse von Soldaten ihren Tod findet.

Fritz Kampers
Fritz Kampers (1947)
Die Unterschiede im Drehbuch sind ähnlich deutlich. Im Westen nichts Neues erzählt die Geschichte seines Protagonisten in einer Art Heldenreise: Das Publikum bricht gemeinsam mit dem jungen Soldaten Paul Bäumer aus seiner Heimatstadt auf und erlebt mit, wie er einige Bewährungsproben bestehen muss, bis die Geschichte schließlich ihr tragisches Ende findet. Der Roman Vier von der Infanterie von Ernst Johannsen, den Pabst mit Westfront 1918 verfilmte, hat hingegen vier verschiedene Hautpfiguren. Die daraus resultierenden häufigen Perspektivwechsel vermindern anfangs zusätzlich die Zugänglichkeit des Films. Im weiteren Verlauf der Handlung legt sich diese Fragmentiertheit zum Glück etwas. Dies liegt daran, dass Drehbuchautor Ladislaus Vajda sich zunehmend auf die Erlebnisse von Karl (Gustav Diessl) und dem Studenten (Hans-Joachim Moebis) konzentriert, während der Bayer (Fritz Kampers) und der Leutnant (Claus Clausen) in der Filmfassung der Geschichte zwar immer wieder auftauchen, jedoch insgesamt nur Nebenfiguren sind.

Würde man die Qualität eines Films lediglich an Maßstäben wie Zugänglichkeit für das Publikum, Spannung der Erzählung und visuelle Schauwerte messen, wäre Westfront 1918 also das deutlich weniger gelungene Werk. Doch auf einer anderen – und vielleicht wichtigeren – Ebene hat Pabsts Film klar die Nase vorne: Die emotionale Wirkung der Geschichte und die Vermittlung der pazifistischen Botschaft. Dass Im Westen nichts Neues bei seiner Veröffentlichung in Deutschland große Diskussionen auslöste und schließlich verboten wurde, während die Kritik an Westfront 1918 gemäßigter ausfiel, liegt auf der einen Seite sicherlich daran, dass es sich nicht um einen amerikanischen Film handelt, sondern er von Menschen produziert wurde, die den Weltkrieg tatsächlich von deutscher Seite aus miterlebt hatten. Andererseits fällt die pazifistische Botschaft bei Pabst auch deutlich subtiler aus: Während Milestone zahlreiche belehrende Mono- und Dialoge einsetzt, welche die Sinnlosigkeit des Krieges für das Publikum ausformulieren, lassen sich ähnliche Drehbuchzeilen in Westfront 1918 an einer Hand abzählen. Der deutsche Regisseur setzt stattdessen auf die Wirksamkeit der Geschichte selbst und der Bilder, mit denen er diese erzählt.

Die unterschiedliche Art und Weise, wie beide Regisseure ihre Botschaft unters Volk bringen möchten, lässt sich wieder am besten an einem Beispiel illustrieren: Beide Filme zeigen einen Heimaturlaub und machen deutich, wie entfremdet die Soldaten vom zivilen Leben in Deutschland mittlerweile sind. Milestone nutzt diese Sequenz für eine Kritik an den Daheimgebliebenen, die den schon so gut wie verlorenen Krieg weiterhin befürworten oder aus der Gemütlichkeit einer Kneipe heraus argumentieren, was die Soldaten an der Front besser machen müssten. Pabst verfolgt andere Ziele: In Westfront 1918 erwischt Karl seine Ehefrau (Hanna Hoessrich) im Bett mit einem Liebhaber. In den folgenden wenigen Tagen, die der Soldat mit seiner von Nahrungsmittelknappheit geplagten Familie verbringt, fleht Karls Frau ihn an, ihr zu verzeihen oder wenigstens überhaupt mit ihr zu sprechen. Doch Karl bleibt kalt und distanziert und verlässt seine Heimat schließlich, ohne sich mit ihr ausgesöhnt zu haben. Die Trostlosigkeit dieser Szenen und Karls fehlende Fähigkeit, seine Gefühle auszudrücken (oder überhaupt etwas zu fühlen) haben dabei eine deutlich stärkere emotionale Wirkung als die eher an den Intellekt appellierenden Szenen in Im Westen nichts Neues.

Abb. 2
Abb. 2 (© Deutsche Kinemathek / zdf.kultur)
Wie in meiner Kritik zu Im Westen nichts Neues geschrieben, bewirkt Milestone mit der Entscheidung, seine Figuren gebetsmühlenartig pazifistische Botschaften verkünden zu lassen, genau das Gegenteil von dem, was er intendiert: Es ist für das Publikum offensichtlich, dass es beeinflusst werden soll, wodurch eine gewisse Abwehrhaltung entsteht. Pabst ist hier viel subtiler und deshalb im Endeffekt wirkungsvoller: Je aussichtsloser der Kampf der deutschen Soldaten im letzten Drittel des Films wird, desto mehr tote Soldaten sind auf dem Schlachtfeld zu sehen. Bald werden die langen, statischen Panorama-Aufnahmen von Leichenbergen deutscher Soldaten dominiert (Abb. 2). Die Bilder sprechen für sich, niemand muss einem hier erklären, was am Krieg so grauenhaft ist. Und vielleicht ist Pabst deshalb im Endeffekt auch der bessere Regisseur. Weil er nicht die spektakuläreren Bilder abliefert, aber die wirksameren. Und darauf vertraut, dass die Wirksamkeit der Bilder ausreicht, um das Publikum zu überzeugen.

Auf den ersten Blick ist Westfront 1918 kein besonders gelungener Film. Die Inszenierung ist recht dröge, die Kampfszenen sind oft unübersichtlich und es ist lange unklar, wer hier eigentlich die Hauptfiguren sein sollen. Doch die Geduld der Zuschauer zahlt sich aus. Denn im weiteren Verlauf gelingt es G. W. Pabst eine immer bedrückendere Atmosphäre zu erzeugen und durch die schrecklichen Bilder des Massensterbens in den Schützengräben seine pazifistische Botschaft auf gleichzeitig subtile wie auch eindrucksvolle Weise an das Publikum zu vermitteln.

Urheber des Fotos von Fritz Kampers ist die Deutsche Fotothek, es wurde von mir beschnitten. Das Original und die Bearbeitung stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-SA 3.0 DE) .

Montag, 31. Oktober 2016

Kurzkritiken Halloween 2016

Heute ist Halloween! Wer nicht um Süßigkeiten betteln oder auf einer Kostümparty versacken will, möchte heute Abend ja vielleicht einen Horrorfilm sehen. Aber welchen? Sieben Kandidaten stelle ich in den heutigen Kurzkritiken vor.

Bram Stoker's Dracula (1992)

Francis Ford Coppola (2007)
Der Rechtsanwalt Jonathan Harker (Keanu Reeves) reist nach Rumänien, um ein Geschäft mit dem mysteriösen Grafen Dracula (Gary Oldman) abzuschließen, der Grundbesitzt in London erwerben möchte. Was Harker nicht ahnt: Dracula ist ein Vampir und erkennt in einem Foto von der Verlobten des Anwalts (Winona Ryder) eine Wiedergeburt seiner Frau, die vierhundert Jahre zuvor Selbstmord begangen hatte. Kurzerhand überlässt Dracula Harker den im Schloss lebenden blutrünstigen Vampirinnen, während er sich selbst auf den Weg nach London macht …

Von allen Verfilmungen, die es in den letzten 100 Jahren von Bram Stokers Horrorklassiker gab, ist Francis Ford Coppolas Version mit Abstand die werkgetreuste Adaption. Während der Gothic-Roman jedoch sehr subtil über lange Zeit mit Andeutungen arbeitet, ist Subtilität in dieser Verfilmung nirgendwo zu finden. Im Schauspiel, Einsatz filmischer Mittel und der Musik ist alles auf Bombast ausgelegt, was über die gesamte Laufzeit etwas ermüdend ist und stellenweise geradezu trashig. Auch hat es mir nicht unbedingt gefallen, dass auch in dieser Verfilmung Mina von einer toughen, rationalen Frau zur schmachtenden Liebhaberin des Grafen degradiert wird. Insgesamt durchaus spaßig, aber die perfekte Dracula-Verfilmung lässt immer noch auf sich warten.


Conjuring – Die Heimsuchung (2013)

Patrick Wilson (2016)
In den 70er Jahren zieht Familie Perron in ein abgelegenes Haus. Schon nach kurzer Zeit werden sie nachts von übernatürlichen Geschehnissen aus dem Schlaf gerissen. Sie engagieren daraufhin die paranormalen Ermittler Lorraine und Ed Warren (Vera Farmiga und Patrick Wilson), die versuchen, genug Beweise zu sammeln, damit ein Exorzismus durchgeführt werden kann …

Conjuring gehört zu dem modernen Subgenre des Horrorfilms, das sein Publikum nicht durch beängstigende Bilder und eine bedrohliche Atmosphäre packen möchte, sondern vor allem durch plötzliche Schreckmomente seine Wirkung erzielt. Während diese Form der Dramaturgie durchaus unterhaltend sein kann, könnte man für den selben Effekt genauso gut den Fernseher auslassen, das Licht ausschalten und Verstecken im Dunkeln spielen. Conjuring ist jedoch mit seinen guten Schauspielern und einem ansehnlichen Set-Design noch einer der besseren Vertreter dieser Art von Horror-Kost.


The Descent – Abgrund des Grauens (2005)

Sechs Frauen unternehmen gemeinsam eine Höhlenexpedition. Die meisten der Freundinnen haben keine Erfahrungen auf diesem Gebiet, doch die Anführerin Juno (Natalie Mendoza) behauptet, die Gruppe in ein touristisch erschlossenes und leicht zu durchquerendes Höhlensystem zu führen. Bald stellt sich jedoch nicht nur heraus, dass dies gelogen war, sondern auch, dass die Protagonistinnen in den finsteren Höhlen nicht alleine sind …

Den stärksten Moment hat dieser britische Film bereits im ersten Drittel der Laufzeit, als Sarah (Shauna Macdonald) in einem engen Tunnel stecken bleibt. Diese realistische klaustrophobische Situation hatte bei mir eine deutlich stärkere Wirkung als die übernatürliche Komponente, die anschließend in den Vordergrund rückt. Die Bedrohung, der sich die Freundinnen bald ausgesetzt sehen, ist nicht übermäßig einfallsreich, doch der Film hat genug Spannung und gelungene Einfälle, um dennoch gut zu unterhalten.


Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1931)

Der englische Arzt Dr. Henry Jekyll (Fredric March) ist von dem Gedanken besessen, die menschliche Seele in Gut und Böse aufteilen zu können. Es gelingt ihm, dieses Ziel durch ein geheimnisvolles Elixier zu verwirklichen: Es verwandelt ihn für begrenzte Zeit in den primitiven, gewissenlosen Edward Hyde. Zuerst genießt Jekyll die Freiheiten seines zweiten Ich, doch bald versetzen ihn die Taten seines Alter Ego immer mehr in Schrecken. Doch da ist das Experiment schon längst außer Kontrolle geraten …

1931 war ein großes Jahr für den amerikanischen Horrorfilm. Während vor allem Universal heute berühmt ist für seine Klassiker Dracula (1931) und Frankenstein (1931), haben auch andere Studios in dieser Zeit Gruselromane des 19. Jahrhunderts auf die Leinwand gebracht. Paramounts Dr. Jekyll und Mr. Hyde muss sich dabei keineswegs vor der Konkurrenz verstecken: Rouben Mamoulians Regie ist recht kreativ und arbeitet mit ungewöhnlichen Kamerafahrten aus der Perspektive des Protagonisten. Auch die Special Effects sind sehr beeindruckend, vor allem die erste Verwandlung in das Monster war durch seine kreative Montage mit Mehrfachbelichtungen und Filter-Effekten lange Zeit unerreicht. Wirklich gruselig wird die Geschichte jedoch nie und das etwas alberne Hyde-Makeup und Overacting der Darsteller sorgen insgesamt für eher durchschnittliche Unterhaltung.


Drag Me to Hell (2009)

Sam Raimi (2014)
Nachdem die Bankangestellte Christine (Alison Lohman) einer Zigeunerin (Lorna Raver) die Fristverlängerung für die Rückzahlung eines Kredits verwehrt, wird sie von der alten Frau mit einem Fluch belegt. Dieser bewirkt, dass Christine nach drei Tagen in die Hölle kommt, wenn sie es nicht schafft, einen mächtigen Dämon zu besänftigen. Hilfe bekommt sie von dem Wahrsager Rham Jas (Dileep Rao) …

Regisseur Sam Raimi gelingt es mit Drag Me to Hell nicht, sich zwischen unterhaltsamen Trash und ernsthaftem Horrorfilm zu entscheiden. Der ständige Wechsel zwischen Ernst und Humor sorgt dafür, dass keine der beiden Stimmungen funktioniert, weil man sich gerade wieder auf die andere eingestellt hatte. Das selbe Problem hatte bereits Darkman (1990) und es ist erschreckend, dass Raimi in fast 20 Jahren offenbar nichts dazugelernt hat. Dass der Film voll von (teils rassistischen) Klischees ist und man den Twist schon eine viertel Stunde vorher ahnt, macht es auch nicht gerade besser.


Die Fürsten der Dunkelheit (1987)

Im Kellergewölbe einer alten Kirche wird ein mysteriöses Artefakt entdeckt. Eine Gruppe von jungen Studierenden macht sich an die Aufgabe, die mit einer grün leuchtenden Flüssigkeit gefüllten Glassäule näher zu untersuchen. Doch das Böse, das sich in dieser Säule befindet, trotzt jeder wissenschaftlichen Beschreibung …

Nach seinem Flop Big Trouble in Little China (1986) kehrte Regisseur John Carpenter den großen Hollywood-Studios den Rücken zu, um wieder günstige Independent-Filme zu drehen. Das erste Ergebnis dieser neuen Phase war Die Fürsten der Dunkelheit. Durch die eher unspektakulären Special Effects (der böse Wassertank!), mittelmäßigen Schauspieler und uninteressant geschriebenen Figuren gehört dieser Film keineswegs zu Carpenters besten Filmen. Durch seine charmante 80er-Jahre-Ästhetik (inkl. Gastauftritt von Alice Cooper) und ein paar gelungene Momente kann der Film dennoch relativ gut unterhalten.


Das Waisenhaus (2006)

Laura (Belén Rueda) und Carlos (Fernando Cayo) ziehen zusammen mit ihrem adoptierten Sohn Simón (Roger Príncep) in das ehemalige Waisenhaus, in dem Laura aufgewachsen ist. Einige Tage später erzählt Simón, dass er sechs neue unsichtbare Freunde kennen gelernt habe. Das Verhalten des Jungen wird immer seltsamer, bis er eines Tages plötzlich verschwindet. Gleichzeitig beginnt Laura, übernatürliche Dinge wahrzunehmen und zu glauben, dass die Geister der ehemaligen Heimkinder im Haus leben …

Ein Spukhaus mit mysteriöser Vergangenheit und gruselige Kinder: Weite Teile dieses spanisch-mexikanischen Horrorfilms wiederholen bekannte Genre-Klischees. Durch die gute Hauptdarstellerin und die Entscheidung, viel Zeit mit dem Vorstellen der Hauptfiguren zu verbringen, bevor die übernatürlichen Ereignisse beginnen, ist der Film insgesamt dennoch als gelungen zu bezeichnen.


Urheber des Fotos von Francis Ford Coppola ist squidish. Urheber des Fotos von Patrick Wilson ist Neil Grabowsky / Montclair Film Festival. Beide stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).
Urheber des Fotos von Sam Raimi ist Gage Skidmore. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Filmkritik: Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)

Das Kino zu revolutionieren: Das war das Anliegen vieler junger Filmemacher Ende der 50er Jahre in Europa. Vieles, das damals neu und ungewöhnlich war, ist heute ein alltäglicher Teil der Filmlandschaft geworden. Dennoch sind die bahnbrechenden Werke dieser Zeit auch ein halbes Jahrhundert später noch einen Blick wert – So zum Beispiel der Debütfilm des französischen Regisseurs François Truffaut, der heute vor 57 Jahren in die deutschen Kinos kam.

Kritiker seien „geistesgestörte Idioten“ und „weniger als wertlos“. Nicht jeder Regisseur würde es so extrem ausdrücken wie Alex Proyas (Gods of Egypt, 2016), aber das Verhältnis zwischen Filmemachern und Filmkritikern ist heutzutage im Allgemeinen wohl eher als distanziert zu bezeichnen. Doch die Grenzen zwischen den beiden Berufsgruppen waren nicht immer so klar gezogen. So begannen in den 50er und 60er Jahren zahlreiche Kritiker der französischen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma selbst zur Kamera zu greifen. Ihr Ziel war ein Kino, dass sich von den angestaubten Konventionen der Studio-Ära lösen und neue Wege gehen sollte. In den so entstandenen Werken agierten unbekannte Schauspieler spontan und authentisch vor der Kamera, einem oft nur grob skizzierten Drehbuch folgend. Die Drehorte wurden vom Studio nach draußen verlegt und die Schnitttechnik befreite sich von den Zwängen des Continuity-Systems.

Einer der frühsten Filme dieser Bewegung ist Sie küssten und sie schlugen ihn von François Truffaut. Er erzählt die Geschichte des 14-jährigen Antoine (Jean-Pierre Léaud), der mitten in Paris aufwächst. Während er sich in der Schule mit der herablassenden Verhalten seiner Lehrer auseinander setzen muss, ist der Junge zu Hause mit einer nur wenig liebevollen Mutter (Claire Maurier) und einem sich oft unangemessen benehmenden Stiefvater (Albert Rémy) konfrontiert. Bald beginnt der Teenager, immer stärker gegen die Regeln der Gesellschaft zu rebellieren. Anfängliches Schulschwänzen wird bald begleitet von Alkohol- und Zigarettenkonsum und nächtlichem Fernbleiben aus seinem Elternhaus. Antoine genießt die neuen Freiheiten, die das Leben abseits pädagogischer Interventionen bietet. Doch als er zusammen mit seinem Freund René (Patrick Auffay) eine Schreibmaschine aus der Firma seines Stiefvaters klaut, hat dies schließlich ernsthafte Konsequenzen …

François Truffaut (1967)
Die von Truffaut in ruhigen, fast dokumentarisch wirkenden Bildern erzählte Geschichte folgt keiner klassischen Hollywood-Dramaturgie und verlangt dem Publikum deshalb schon eine gewisse Geduld ab. Wer diese mitbringt, wird jedoch mit einem lange nachwirkenden Film belohnt, der das Bild einer Gesellschaft entwirft, in der man als Jugendlicher fast gar nicht anders kann, als delinquent zu werden. Denn das Verhalten der Erwachsenen gegenüber Antoine ist immer autoritär und herablassend, egal, wie der 14-Jährige sich verhält: Als der Jugendliche beginnt, Balzac zu lesen und sich beim Verfassen eines Aufsatzes von dessen Stil beeinflussen lässt, wird sein literarisches Interesse nicht belohnt, sondern er sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, abgeschrieben zu haben. Dass es für Antoine keine Möglichkeit gegeben hätte, unbemerkt während einer Klassenarbeit einen Roman auf den Tisch zu legen, ist dabei nicht von Belang. Ein weiteres Beispiel ist der Diebstahl der Schreibmaschine: Antoine wird nicht etwa erwischt, als er diese stiehlt, sondern als er sie an ihren Platz zurückbringt und damit eigentlich Reue bewiesen hat. Für die folgende Bestrafung scheint dies jedoch unerheblich zu sein.

Einen Großteil seiner Wirkung verdankt der Film dem hervorragenden Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud. Dies wird vor allem in einer späten Szene deutlich, in der eine Psychologin den Jungen zu seinem Elternhaus und den Motiven seiner Handlungen befragt. Die glaubwürdige, kindlich-naive Art, wie Léaud die Fragen beantwortet, zeugt sowohl von einem großen schauspielerischen Talent als auch von einem großartigen Regisseur, der weiß, wann Improvisation zu besseren Ergebnissen führt als ein genau vorformuliertes Drehbuch. Und so ist ein fast magischer Moment entstanden, der für sich alleine genommen schon ausreicht, um diesen Film sehenswert zu machen.

Sie küssten und sie schlugen ihn kann man eine gewisse Langatmigkeit vorwerfen. Doch die schonungslose Art und Weise, wie Truffaut die verlogene Welt der Erwachsenen aus Sicht seines Protagonisten bloßstellt und die großartige schauspielerische Leistung von Jean-Pierre Léaud machen diesen Klassiker des französischen Kinos zu einem Film, den man gesehen haben sollte.

Urheber des Fotos von den François Truffaut ist Kroon, Ron / Anefo. Es stammt aus dem niederländischen Nationaal Archief und steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0).

Donnerstag, 15. September 2016

Filmkritik: Pets (2016)

Was machen Haustiere, wenn ihre Herrchen und Frauchen nicht zu Hause sind? Diese Frage beantwortet der neuste Film aus dem Hause Illumination Entertainment und ist schon jetzt eine der erfolgreichsten Produktionen des Jahres. Ist hier ein neuer Klassiker des Animationsfilms entstanden oder handelt es sich vielmehr um eine unterhaltsame Eintagsfliege?

Max ist ein glücklicher Hund. Der Jack Russel Terrier lebt mit seiner Besitzerin Katie in New York und kann sich kein besseres Leben vorstellen als das an der Seite seines Frauchens. Doch als Katie plötzlich mit einem zweiten Hund, dem Mischling Duke, nach Hause kommt, wird Max eifersüchtig und versucht, den Neuankömmling loszuwerden. Der Konflikt zwischen den Haustieren eskaliert und bringt die beiden Hunde weit weg von zu Hause. Um wieder zurückzufinden bleibt den Streithähnen nichts anderes übrig, als von nun an zusammenzuarbeiten …

Die Idee hinter Pets ist keineswegs neu. So erzählte der erste abendfüllende Computeranimationsfilm Toy Story (1995) bereits vor 20 Jahren eine sehr ähnliche Geschichte, in der nicht Haustiere, sondern Spielzeuge in Abwesenheit ihrer Besitzer Abenteuer erleben. Auch im Pixar-Klassiker muss die Hauptfigur lernen, in einer Gefahrensituation die Eifersucht auf einen Neuankömmling zu überwinden, damit beide wieder nach Hause kommen können. Toy Story bleibt dabei der Grundidee bis zuletzt treu: Der Bösewicht der Geschichte ist ein Nachbarsjunge, der seine Spielsachen kaputt macht und an Feuerwerkskörper bindet, ein Schicksal, das viele Spielzeuge in unserer Wirklichkeit mit den Charakteren des Animationsfilms teilen.

Co-Regisseur Chris Renaud
Auch im ersten Viertel von Pets überspitzen die Regisseure Chris Renaud und Yarrow Cheney noch viele Wahrheiten über das Verhalten von Haustieren und vor allem die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Hunden und Katzen werden sehr treffend charakterisiert. Im weiteren Verlauf wandelt sich die Geschichte jedoch zu einem recht austauschbaren Action-Abenteuer mit einem bösartigen Schneehasen als Antagonisten, der von seinen Besitzern ausgesetzt wurde und nun davon träumt, die Menschheit zu versklaven. Spätestens, wenn die Tiere sich hinter das Steuer eines Busses klemmen, um sich eine Verfolgungsjagd auf der Brooklyn Bridge zu liefern, hat der Film nicht mehr viel mit dem Leben wirklicher Haustiere zu tun. Dass Pets trotzdem funktioniert, liegt vor allem an seiner Rasanz. Eine Action-Szene jagt die nächste und ein wahres Feuerwerk an Slapstick-Gags und One-Linern wird abgebrannt, sodass zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt. Auch die beeindruckenden Animationen und die gut ausgewählten Synchronsprecher (sowohl in der originalen, als auch in der deutschen Fassung) sorgen für ein insgesamt unterhaltsames Filmerlebnis.

Andererseits hat der Film jedoch weder die emotionale Tiefe noch den Einfallsreichtum zu bieten, die man beispielsweise bei den besten Pixar-Filmen geboten bekommt. Eltern, denen es wichtig ist, dass ein Kinderfilm nicht nur unterhält, sondern auch einen Beitrag zur emotionalen Entwicklung von Kindern leistet (wie Kritiker es zum Beispiel dem Oscar-Gewinner Alles steht Kopf [2015] attestierten), sind hier also buchstäblich im falschen Film. Aus pädagogischer Sicht positiv zu bewerten ist jedoch, dass in Pets auch die scheinbaren Bösewichte im Laufe der Geschichte ihre guten Seiten zeigen und Kinder so lernen können, dass der erste Eindruck, den man von anderen Menschen hat, oft täuscht.

Trotz einer FSK-Freigabe ohne Altersbeschränkung könnte der Film aufgrund seiner rasanten Erzählweise für jüngere Kinder überfordernd sein und ist daher meiner Ansicht nach eher ab einem Alter von 8 Jahren geeignet. Wegen seiner recht hohen Schnittfrequenz sollte außerdem die 2D-Fassung vorgezogen werden.

Insgesamt liefert Pets unterhaltsames Popcornkino, um einen verregneten Samstag zu verbringen, aber ist weder einfallsreich noch emotional involvierend genug, um in den Olymp der besten Animationsfilme aller Zeiten aufsteigen zu können.

Urheber des Fotos von Chris Renaud ist Boungawa. Es steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Dienstag, 30. August 2016

Die zehn besten Filme des 21. Jahrhunderts

Die BBC hat letzte Woche die 100 besten Filme des 21. Jahrhunderts gekürt und − wie sollte es anders sein − das ganze Internet diskutiert darüber, wie falsch die befragten Journalisten und Filmkritiker mit ihrer Auswahl liegen. Getreu dem Motto „Nicht nur meckern, sondern selber machen“ möchte ich heute meine eigene Top 10 der letzten 16 Jahre präsentieren.

Filmfans lieben Bestenlisten. Sei es die Top 250 der Internet Movie Database oder die vom britischen Sight & Sound Magazine durchgeführten Umfragen zu den besten Filmen aller Zeiten, es besteht offenbar ein unstillbares Verlangen nach einem Film-Kanon, um sich in den eigenen Lieblingsfilmen bestätigt zu sehen oder aber Anregungen für den nächsten Heimkinoabend zu finden.

Häufig sind Listen dieser Art vor allem mit den großen Klassikern von Citizen Cane über Vertigo bis zu Goodfellas bestückt und Veröffentlichungen der letzten Jahre sind nur wenige zu finden. Dies nahm die BBC nun zum Anlass, einmal ein Ranking der besten Filme des 21. Jahrhunderts zusammenzustellen. Für mich stellte sich natürlich gleich die spannende Frage, wie sehr diese Liste sich mit meinem eigenen Filmgeschmack überschneidet. Deshalb möchte ich heute einmal meine persönlichen Lieblingsfilme dieser Periode vorstellen und sehen, ob sich diese auch auf der BBC-Liste wiederfinden. Um für Abwechslung zu sorgen, habe ich mich entschieden, höchstens einen Film pro Regisseur oder Filmreihe aufzulisten.

10. Venus im Pelz (2013)

Ein Vorsprechen für ein Theaterstück entwickelt sich zu einem psychologischen Schlagabtausch zwischen Schauspielerin und Regisseur. Roman Polanski arbeitet geschickt mit Realitätsebenen und Geschlechterrollen und beweist, dass zwei Darsteller und ein hervorragendes Drehbuch reichen können, um großartiges Kino zu schaffen. Leider sowohl von den Kritikern als auch vom Publikum übersehen und dementsprechend auch nicht auf der BBC-Liste vertreten.

9. Once (2006)

Ein Gitarrist und eine Klavierspielerin lernen sich in Dublin kennen und beginnen gemeinsam Musik zu machen. Eine besondere Freundschaft entsteht oder vielleicht sogar mehr als das? Auch Once ist eher ein kleiner Film, der vor allem von seinen beiden sympathischen Hautpfiguren und der großartigen (oscarprämierten) Musik von Glen Hansard und Markéta Irglová lebt. Was zu einem kitschigen Liebesfilm hätte werden können ist stattdessen ein Film über die Liebe zur Musik geworden. Auch Once ist bei der BBC nicht gelistet.

8. Inception (2010)

Dom Cobb erhält den Auftrag, über eine Apparatur für gemeinsames Träumen in das Unbewusste eines Geschäftsmannes einzudringen, um dort den Wunsch auszulösen, das vom gefühlskalten Vater geerbte Firmenimperium zu zerschlagen. Christopher Nolan gehört zweifellos zu den bedeutendsten Regisseuren unserer Zeit und ich hätte auch The Dark Knight oder Prestige – Die Meister der Magie an diese Stelle setzen können. Mit Inception gelingt es ihm jedoch auf besonders eindrucksvolle Weise, einen gleichzeitig spannenden und komplexen Sommer-Blockbuster abzuliefern, der in seiner Form absolut einzigartig ist. Die BBC hat den Film auf Platz 51.
➡ Werkschau: Die Filme von Christopher Nolan

7. Children of Men (2006)

Im Jahr 2026 sind alle Frauen unfruchtbar geworden. England ist als letzter Staat der Erde nicht im Chaos versunken, hat sich jedoch in einen Polizeistaat verwandelt. Doch dann erwartet eine junge Immigrantin plötzlich ein Kind. Alfonso Cuaróns dystopischer Thriller überzeugt sowohl durch seine Vielschichtigkeit als auch durch die Inszenierung von langen, spektakulären Plansequenzen. Bei der BBC auf Platz 13.

6. Brokeback Mountain (2005)

Im Wyoming der frühen 60er Jahre wandelt sich die Zusammenarbeit zwischen zwei Schafhirten zu einer tragischen Liebesgeschichte. Ein berührendes Drama mit hervorragenden Darstellern, wunderschöner Filmmusik und einer angenehm zurückhaltenden Inszenierung von Ang Lee. Die BBC listet Brokeback Mountain auf Platz 40.

5. Findet Nemo (2003)

Der kleine Clownfisch Nemo wird von einem Zahnarzt für sein Aquarium gekeschert. Nemos Vater Martin macht sich mit Hilfe der vergesslichen Dorie auf die Suche. Andrew Stanton erzählt in wunderschönen Bildern eine sowohl witzige als auch rührende Geschichte über das Vatersein und damit einen der besten Animationsfilme aller Zeiten. In der Liste der BBC gerade noch vertreten auf Platz 96.

4. Der Herr der Ringe: Die Gefährten (2001)

Der kleine Hobbit Frodo gerät unwissentlich in Besitz einer gefährlichen Waffe: Dem Zauberring des schrecklichen Sauron. Mit Hilfe seiner Freunde macht er sich auf den Weg, den Ring zu den Elben nach Bruchtal zu bringen. Stellvertretend für die ganze Trilogie, die unzweifelhaft als die bisher beste Filmreihe des Fantasy-Genres bezeichnet werden kann. Von den Darstellern über das Design bis zu den Special Effects gelingt es Peter Jackson auf beeindruckende Art und Weise, die Welt von J.R.R. Tolkien auf die Leinwand zu bringen. Meiner Meinung nach ist der erste Teil der gelungenste, weil hier noch die Geschichte und ihre Figuren im Vordergrund stehen und vergleichsweise wenig Zeit für Actionszenen verwendet wird. Bei der BBC ist erstaunlicherweise keiner der drei Filme aufgeführt.

3. Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009)

Kurz vor dem ersten Weltkrieg: Als sich in einem norddeutschen Dorf seltsame Unfälle und Gewalttaten häufen, versucht der neu zugezogene Dorflehrer herauszufinden, wer dahinter steckt. Michael Hanekes in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern gedrehte Darstellung einer von Gewalt geprägten Dorfgemeinschaft ist ein sehr intensives Filmerlebnis, das Spielraum für Interpretationen lässt. Die BBC hat den Film auf Platz 18 gelistet.
➡ Filmkritik: Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte

2. Shaun of the Dead (2004)

Der Verkäufer Shaun wird von seiner Freundin verlassen. Er beschließt, sie zurückzugewinnen, muss zeitgleich jedoch die unerwartet hereinbrechende Zombie-Apokalypse überleben. Regisseur Edgar Wright schafft es, keine alberne Parodie auf das Zombie-Genre abzuliefern, sondern eine liebevolle Hommage, die gleichzeitig als außergewöhnliche romantische Komödie funktioniert. Besonders im englischen Original zu empfehlen, vor allem wegen des hervorragenden Spiels von Hauptdarsteller Simon Pegg. Auch dieser Film ist bei der BBC nirgendwo zu finden.

1. Vergiss mein nicht (2004)

Nach der Trennung von seiner Freundin Clementine sucht Joel eine ominöse Firma auf, um alle Erinnerungen an die Beziehung aus seinem Gedächtnis löschen zu lassen. Während der Prozedur, bei der Joel die gemeinsamen Erlebnisse ein letztes Mal sieht, entscheidet er, diese doch nicht verlieren zu wollen und versucht, Clementine in seinen Kindheitserinnerungen zu verstecken. Diese ungewöhnliche Mischung aus Romanze, Komödie und Science-Fiction-Film ist dank des intelligenten Drehbuchs von Charlie Kaufman und der atemberaubenden Inszenierung von Michel Gondry für mich einer der besten Filme aller Zeiten und bei der BBC auf Platz 6 vertreten.

Insgesamt sind, zumindest im Vergleich zu meinem Filmgeschmack, bei der BBC erstaunliche Lücken zu verzeichnen. Wie ist es auch ergangen? Was sind eure Lieblingsfilme der letzten 16 Jahre und wurden sie auch von den Filmkritikern gewürdigt?

Mittwoch, 10. August 2016

Filmkritik: Im Westen nichts Neues (1930)

Ab wann ist ein Kriegsfilm ein Anti-Kriegsfilm? Während viele Werke zu ambivalent sind, um eindeutig in diese Schubladen einsortiert zu werden, gibt es auch Filme, die sehr deutlich Stellung beziehen. Ein Beispiel hierfür ist Im Westen nichts Neues (1930).

Wohl kaum ein anderes Genre ist so politisch wie das des Kriegsfilms. Es ist für einen Regisseur nur schwer möglich, einen tatsächlichen militärischen Konflikt auf der Leinwand darzustellen, ohne einen Standpunkt zum dargestellten Krieg oder zum Militär im Allgemeinen einzunehmen. Während die politische Aussage in den meisten modernen Kriegsfilmen jedoch nicht im Vordergrund steht, gab es vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Produktionen, die mit dem Ziel gedreht wurden, die Meinung des Publikums zum Thema direkt zu beeinflussen. Auf der einen Seite sind hier natürlich die Propagandafilme zu nennen, die während der Weltkriege im staatlichen Auftrag produziert wurden, um die Bevölkerung von der Notwendigkeit des militärischen Konfliktes zu überzeugen. Doch parallel dazu entstanden auch erste offen pazifistische Filme, die den Traum von einer Welt ohne Kriege formulierten.

Erich Maria Remarque
Einer der ersten Tonfilme dieses Subgenres des pazifistischen Kriegsfilms ist die amerikanische Produktion Im Westen nichts Neues (1930). Basierend auf dem gleichnamigen Roman des deutschen Schriftstellers Erich Maria Remarque erzählt Lewis Milestone die Geschichte des deutschen Oberstufenschülers Paul Bäumer (Lew Ayres), der sich zusammen mit seinen Klassenkameraden freiwillig meldet, um im Ersten Weltkrieg gegen die Franzosen zu kämpfen. Die anfängliche Begeisterung der jungen Männer hält nicht lange an. Nach einer kurzen und schikanösen Grundausbildung durch den ehemaligen Briefträger Himmelstoß (John Wray) werden die Soldaten an die Front geschickt. Bei ihren ersten Einsätzen unter Führung der erfahreneren Soldaten Kat (Louis Wolheim) und Tjaden (Slim Summerville) müssen die Jungen schnell einsehen, dass das Massensterben im Stellungskrieg nur wenig mit ihren Vorstellungen vom heldenhaften Kämpfen für das Vaterland gemein hat …

Während der Film in den USA ein großer Erfolg war und bei der dritten Oscar-Verleihung im Oktober 1930 als bester Film ausgezeichnet wurde, war Im Westen nichts Neues bei seiner Erstveröffentlichung in Deutschland sehr umstritten. Obwohl das deutsche Publikum im Dezember 1930 bereits nur eine entschärfte Version zu sehen bekam, wurde das Werk von rechter Seite als antideutsch bezeichnet und der Versuch unternommen, ein Verbot des Films zu bewirken. Unter Führung von Joeseph Goebbels schleusten sich sogar SA-Angehörige in Vorstellungen ein, um nationalsozialistische Parolen zu brüllen, Mäuse freizulassen und gewaltsam gegen die Kinobesucher vorzugehen. Schließlich wurde der Film eine Woche nach seiner Premiere mit einem Aufführungsverbot belegt. Begründet wurde dies damit, dass er die öffentliche Ordnung gefährde, die Wehrmacht herabsetze und das internationale Ansehen Deutschlands schädige. Die Produktionsfirma Universal wollte den wichtigen deutschen Markt jedoch nicht so schnell aufgeben. 1931 wurde deshalb eine noch stärker geschnittene Fassung veröffentlicht und das Studio sicherte den deutschen Behörden zu, in allen Ländern außerhalb der USA nur noch diese Version des Films zu zeigen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Film in Deutschland schließlich vollständig verboten.

Heute gilt Im Westen nichts Neues als einer der besten Antikriegsfilme aller Zeiten. Besonders die technische Umsetzung ist auch aus heutiger Perspektive noch sehr beeindruckend. Viele Szenen wurden unter freiem Himmel, vor einem weit in die Tiefe gehenden Hintergrund und mit hoher Tiefenschärfe gefilmt, was für eine Zeit, in der meistens in Filmstudios gedreht wurde, eher ungewöhnlich ist. Gleichzeitig kann der Film mit einer sehr mobilen Kamera aufwarten, was der Inszenierung insgesamt einen recht modernen und realistischen Eindruck verleiht.

So beginnt die erste Szene des Films mit einer Militärparade, die durch eine kleine deutsche Stadt zieht. Die Kamera zeigt die marschierenden Soldaten und fährt anschließend ohne Schnitt rückwärts durch das Fenster eines Klassenzimmers, in dem ein Lehrer (Arnold Lucy) seinen Schülern einen Vortrag darüber hält, warum sie sich freiwillig für den Kriegsdienst melden sollten. Während dieses Monologs fährt die Kamera weiter rückwärts durch die Reihen der Schüler, bis das ganze Klassenzimmer zu sehen ist, mit den marschierenden Soldaten immer noch vor den Fenstern. Erst dann wird auf einen Nahaufnahme des Lehrers geschnitten. Durch diese lange, ungebrochene Einstellung verleiht Milestone der Szene einen fast dokumentarischen Eindruck, wodurch sie deutlich wirkungsvoller ist, als wenn sie mit der konventionellen Schnitttechnik inszeniert worden wäre. Die Vereinigung von Militärparade und Schulunterricht in einer Aufnahme verdeutlicht außerdem symbolisch die Militarisierung der gesamten deutschen Gesellschaft zu dieser Zeit.

Auch die Kampfszenen waren in ihrem Realismus lange Zeit unerreicht. So entstand Stanley Kubricks Wege zum Ruhm (1957), der auf der französischen Seite des Ersten Weltkriegs spielt, fast 30 Jahre später, ist in der Inszenierung der Kriegshandlungen aber nur kaum moderner als Milestones Film. Anders stellt sich die Situation auf der inhaltlichen Ebene dar. Denn während die pazifistische Aussage von Im Westen nichts Neues natürlich gerade vor Hintergrund des nur wenige Jahre später ausbrechenden Zweiten Weltkriegs positiv zu bewerten ist, ist die Form, wie diese Aussage an das Publikum vermitteln werden soll, etwas plump.

Kurze Zeit nach der Ankunft an der Front gibt es eine Szene, in der sich die Männer über ihre Situation unterhalten. Schnell kommen sie zu dem Schluss, dass die Soldaten aller am Krieg teilnehmenden Nationen überhaupt nicht gegeneinander kämpfen wollen, sondern dies alles nur deswegen passiert, weil die Staatsoberhäupter und Generäle den Krieg wollen und brauchen. Die Szene wirkt sehr deutlich wie ein Moment, in dem die Filmemacher ihre eigenen Ansichten zum Thema direkt formulieren, statt dem Publikum zuzutrauen, seine eigenen Schlüsse aus den gezeigten Kriegsgräueln zu ziehen. Wäre dies als einzelner Moment noch zu verkraften, wiederholt der Film seine Thesen im weiteren Verlauf immer wieder, als sollten die Zuschauer/innen auf diese Weise zu einer pazifistischen Lebenseinstellung erzogen werden.

Dies könnte auch filmgeschichtliche Hintergründe haben. Im Westen nichts Neues ist ein recht früher Tonfilm, parallel wurde auch eine Stummfilmfassung gedreht, die in Kinos gezeigt wurde, die noch nicht auf die neue Technik umgestellt hatten. Beim Ansehen der vertonten Version könnte man den Eindruck bekommen, dass die Filmemacher das Gefühl hatten, möglichst viel gesprochenen Text unterbringen zu müssen. Zusätzlich zu den bereits genannten belehrenden Passagen gibt es nämlich etliche Dia- und Monologe, in denen die Bedeutung der Geschehnisse oder die Gefühle des Protagonisten für das Publikum ausformuliert werden. Diese Textdichte nimmt den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht nur den Raum, das Gesehene selbst zu reflektieren, sondern ist bei einer Laufzeit von über zwei Stunden auch recht ermüdend.

Dieser einflussreiche Klassiker des Anti-Kriegsfilms ist insgesamt ein zweischneidiges Schwert: Während durch die technisch perfekte Umsetzung viele Szenen auch heute noch sehr beeindrucken können, irritiert vor allem in der zweiten Hälfte ein ständiges Ausformulieren von Thesen und Gefühlen durch die handelnden Figuren, das keinen Raum für eigene Gedanken und Interpretationen lässt.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Filmkritik: Matrix (1999)

Immer noch cool oder schon längst veraltet? Vor nunmehr 17 Jahren brachten die Wachowski-Geschwister mit Matrix (1999) einen der einflussreichsten Actionfilme der letzten Jahrzehnte in die Kinos. Auch heute ist der Film noch extrem unterhaltsam – aber auch ein Beispiel dafür, dass manche Filme schneller altern als andere …

Viele Filmklassiker sind ein deutliches Produkt ihrer Zeit. Während beispielsweise Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum (1968) durch seine bahnbrechenden Special Effects und seine ästhetische und inhaltlich Außergewöhnlichkeit ohne Hintergrundwissen ebenso als ein Film von 1979 durchgehen könnte, ist Dennis Hoppers Biker-Road-Movie Easy Rider (1969) untrennbar mit dem Lebensgefühl der späten 60er Jahre verbunden. Doch auch Filme jüngeren Datums altern unterschiedlich schnell. Die meisten Filme der letzten Jahrzehnte wirken immer noch modern, Matrix (1999) hingegen ist stilistisch unbestreitbar ein Kind der Jahrtausendwende. 
Laurence Fishburne (2009)

Der Film erzählt die Geschichte des Programmierers Neo (Keanu Reeves), der von dem unbestimmten Gefühl beherrscht wird, dass die Welt um ihn herum nicht das ist, was sie zu sein scheint. In einem Treffen mit dem geheimnisvollen Morpheus (Laurence Fishburne) erfährt Neo schließlich, dass es sich bei der vermeintlichen Realität lediglich um eine Computersimulation handelt, die sogenannte Matrix. Tatsächlich spielt der Film in einer postapokalyptischen Zukunft, in der die Maschinen die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Wie fast alle anderen überlebenden Menschen befindet sich Neos Körper in einem künstlichen Uterus und wird als lebende Batterie zur Energieversorgung genutzt. Da der menschliche Körper ohne den Geist nicht überleben kann, muss dem Gehirn jedoch durch ein Programm vorgegaukelt werden, ein normales Leben im Jahr 1999 zu führen. Neo wird aus der Matrix befreit und erfährt bald, dass die Wahl nicht ohne Grund auf ihn gefallen ist: Denn nach Morpheus Ansicht ist er der Auserwählte, der laut Überlieferung kommen soll, um die Schreckensherrschaft der Maschinen zu beenden …

Die grundsätzliche Idee des Films, die tatsächliche Existenz der Welt um uns herum in Frage zu stellen, ist keineswegs neu. Bereits René Descartes zweifelte 1641 an der Glaubwürdigkeit seiner Wahrnehmung und stellte fest, dass er nicht ausschließen könne, „ dass ein boshafter Geist, der zugleich höchst mächtig und listig ist, all seine Klugheit anwendet, um mich zu täuschen; ich will annehmen, dass der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Töne und alles Äußerliche nur das Spiel von Träumen ist, wodurch er meiner Leichtgläubigkeit Fallen stellt“. Dies führte den französischen Philosophen zu dem berühmten Schluss, dass er nur seine eigene Existenz wirklich beweisen könne („Ich denke, also bin ich“). Dieses unlösbare Problem der Erkenntnistheorie fand schließlich auch seinen Weg in Literatur und Film. So ersetzte Rainer Werner Fassbinder in seinem TV-Zweiteiler Welt am Draht (1973) Descartes „ boshaften Geist“ durch einen Computer, der in der Lage ist, das Leben einer Kleinstadt zu simulieren. Die Geschichte kreist schließlich um die Frage, wie der Protagonist des Films sicher sein kann, nicht selbst Teil solch einer Simulation zu sein.

Die Wachowskis (2004)
Die Wachowski-Geschwister lassen in Matrix die Zuschauer hingegen nicht lange im Ungewissen, sondern stellen bereits im ersten Drittel des Films unmissverständlich klar, welche Szenen in der Wirklichkeit und welche in der Computersimulation spielen. Grundsätzlich ist der philosophische Unterbau für die Filmemacher nämlich offenbar nur Mittel zum Zweck: Nach ausgiebigem Training lernt Neo, die physikalischen Gesetze der Computerwelt zu beeinflussen, und der Schwerpunkt des Films verlagert sich im weiteren Verlauf immer stärker darauf, den Protagonisten diese Fähigkeiten in möglichst spektakulären Action-Szenen nutzen zu lassen.

Umso deplatzierter wirken die intellektuell und philosophisch gemeinten Dialogzeilen, die vor allem Morpheus immer wieder äußert, als hätte ihm niemand Bescheid gesagt, dass er sich in einem Actionfilm befindet. Dass Matrix sich insgesamt etwas zu ernst nimmt, tut seiner Unterhaltsamkeit jedoch keinen Abbruch. Auch heute noch weiß die Kombination aus Martial-Arts-Choreographien und bahnbrechenden Effekte zu überzeugen – auch wenn die berühmte Superzeitlupe seitdem so oft persifliert wurde, dass sie leider etwas an ihrer Wirkung verloren hat.

Für einen nur 17 Jahre alten Film ist Matrix aber überraschend deutlich gealtert. Besonders die Kostüme fallen hier ins Auge: So wirkt Trinity (Carrie-Anne Moss), die an der Seite von Morpheus und Neo gegen die Maschinen kämpft, wie einer Techno-Party der späten 90er entsprungen: Lederoutfit, Sonnenbrille und Kurzhaarfrisur sind heute leider nicht mehr so cool, wie dies zu Zeiten der Jahrtausendwende noch der Fall gewesen sein mag. Und auch die Funktionsweise der Matrix ist klar von den damaligen technischen Begebenheiten beeinflusst: Dass das Computerprogramm ausschließlich durch Telefone betreten und verlassen werden kann, ist in Zeiten des Dial-Up-Modems schlüssig – für eine Generation, die mit ständiger WLAN-Verbindung aufwächst, aber wohl kaum noch nachvollziehbar.

Matrix ist auch heute noch beeindruckend inszeniertes Action-Kino und zumindest auf dieser Ebene keineswegs veraltet. Gleichzeitig ist der Film jedoch in vielen Details klar als Film der ausgehenden 90er Jahre zu identifizieren. Das schadet dem Sehvergnügen jedoch keineswegs, sondern verschafft dem Film für Zuschauer/innen, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, eine zusätzliche Ebene der Nostalgie.

Urheber des Fotos von den Wachowskis ist Charlie Meadows. Es steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Montag, 4. Juli 2016

Filmkritik: Frankenstein (1931)

Jeder kennt Frankensteins Monster. Während der durchschnittliche Passant in der Fußgängerzone wohl nur wenig Kenntnisse über das Kino der 30er Jahre besitzt, wird ein Bild des Monsters mit dem kantigen Gesicht und den Schrauben im Hals fast immer auf Wiedererkennung stoßen. Obwohl der Einfluss von Frankenstein (1931), in dem das berühmteste Monster der Filmgeschichte seinen ersten Auftritt hatte, wohl kaum zu überschätzen ist, muss das natürlich nicht bedeuten, dass es sich wirklich um einen guten Film handelt. Dieser Frage möchte ich daher in meinem heutigen Artikel nachgehen.

Hauptfigur des Films ist nicht das Monster, sondern der Wissenschaftler Henry Frankenstein (Colin Clive). Zurückgezogen in einem verfallenen Turm geht er mit Hilfe seines buckligen Assistenten Fritz (Dwight Frye) biologischen Experimenten nach, weil er aufgrund seiner grenzüberschreitenden Forschungen aus der Universität geworfen wurde. Henrys Ziel ist es Leben zu erschaffen, auch wenn es dafür nötig ist, nachts auf Friedhöfen kürzlich beerdigte Leichen wieder auszugraben, um die Körper als Material zu benutzten. Seine Verlobte Elisabeth (Mae Clarke) und sein ehemaliger Professor Waldman (Edward Van Sloan) versuchen, den sich immer stärker in seine Forschungen hineinsteigernden Wissenschaftler zur Besinnung zu bringen, doch ohne Erfolg: Sie können nur hilflos mit ansehen, wie das von ihm aus Leichenteilen zusammengesetzte Wesen per Blitzschlag zum Leben erweckt wird …

Das auf Kurzfilme und B-Movies spezialisierte Filmstudio Universal Pictures nutze Anfang der 30er Jahre eine Marktlücke aus: Keines der großen Hollywoodstudios war zu dieser Zeit bereit, Horrorfilme zu produzieren und so entschied sich Universal dafür, mit vergleichsweise kleinem Budget die zwei bekanntesten Gruselgeschichten des 19. Jahrhunderts zu verfilmen: Bram Stokers Dracula und Mary Shelleys Frankenstein. Als Vorlage diente jeweils nicht der Roman selbst sondern eine Bühnenadaption der Geschichte. Den 1931 veröffentlichten Filmfassungen merkt man diese Herkunft deutlich an: Die aus meist statischen Kameraeinstellungen aus der Halbtotalen oder Halbnahen gefilmten Dialoge erinnern deutlich an ein abgefilmtes Theaterstück, weshalb der Inszenierungsstil dieser Werke im Vergleich zu Stummfilmadaptionen wie Nosferatu (1922) eher als Rückschritt zu werten ist. Dass Frankenstein dennoch stellenweise mit beeindruckenden Bildern aufwarten kann, liegt daher weniger an der Regie von James Whale (der seine Wurzeln ebenfalls im Theater hat), sondern vor allem am expressionistischen Bühnenbild von Herman Rosse und dem ikonischen Monster-Make-Up von Jack P. Pierce.

Wirklich gruselig ist der Film selbst für damalige Zuschauer wahrscheinlich nur an wenigen Stellen gewesen. Ein recht großer Teil der Laufzeit wird auf Gespräche zwischen den Angehörigen des Protagonisten verwendet, deren größte Sorge es zu sein scheint, dass Henry Frankenstein durch seinen Arbeitseifer seine Hochzeit vergessen könnte. Der offenbar als Comic Relief geschriebene und gespielte Vater Baron Frankenstein (Frederick Kerr) sticht hierbei besonders negativ hervor. Es gibt inhaltlich jedoch auch interessante Facetten: Hier ist vor allem die vielschichtige Charakterisierung des Monsters zu nennen. Während andere Universal-Unholde wie Dracula oder Die Mumie (1932) durchweg böse sind, verhält sich die von Boris Karloff gespielte lebende Leiche eher wie ein wildes Tier oder kleines Kind. Nachdem das Monster auf seiner Flucht aus der Gefangenschaft bereits zwei Menschen ermordet hat, geschieht die Tötung eines kleinen Mädchens auf solch eine unschuldige und naive Art und Weise, dass diese Szene noch lange nach dem Ansehen des Films in Erinnerung bleibt. Ab diesem Zeitpunkt kann man nur noch Mitleid mit dem Monster haben, das mit seinen traurigen Augen und seinem trottenden Gang nun vor der gesamten Dorfgemeinschaft fliehen muss …

Frankenstein ist für heutige Zuschauer natürlich nicht mehr besonders gruselig und einige Dialogszenen zwischen den Nebenfiguren könnte man sogar als langweilig zu bezeichnen. Dennoch ist dieser Klassiker durch das ansprechende Design und den interessanten Antagonisten auch 85 Jahre nach seiner Premiere noch sehenswert.