Mittwoch, 10. August 2016

Filmkritik: Im Westen nichts Neues (1930)

Ab wann ist ein Kriegsfilm ein Anti-Kriegsfilm? Während viele Werke zu ambivalent sind, um eindeutig in diese Schubladen einsortiert zu werden, gibt es auch Filme, die sehr deutlich Stellung beziehen. Ein Beispiel hierfür ist Im Westen nichts Neues (1930).

Wohl kaum ein anderes Genre ist so politisch wie das des Kriegsfilms. Es ist für einen Regisseur nur schwer möglich, einen tatsächlichen militärischen Konflikt auf der Leinwand darzustellen, ohne einen Standpunkt zum dargestellten Krieg oder zum Militär im Allgemeinen einzunehmen. Während die politische Aussage in den meisten modernen Kriegsfilmen jedoch nicht im Vordergrund steht, gab es vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Produktionen, die mit dem Ziel gedreht wurden, die Meinung des Publikums zum Thema direkt zu beeinflussen. Auf der einen Seite sind hier natürlich die Propagandafilme zu nennen, die während der Weltkriege im staatlichen Auftrag produziert wurden, um die Bevölkerung von der Notwendigkeit des militärischen Konfliktes zu überzeugen. Doch parallel dazu entstanden auch erste offen pazifistische Filme, die den Traum von einer Welt ohne Kriege formulierten.

Erich Maria Remarque
Einer der ersten Tonfilme dieses Subgenres des pazifistischen Kriegsfilms ist die amerikanische Produktion Im Westen nichts Neues (1930). Basierend auf dem gleichnamigen Roman des deutschen Schriftstellers Erich Maria Remarque erzählt Lewis Milestone die Geschichte des deutschen Oberstufenschülers Paul Bäumer (Lew Ayres), der sich zusammen mit seinen Klassenkameraden freiwillig meldet, um im Ersten Weltkrieg gegen die Franzosen zu kämpfen. Die anfängliche Begeisterung der jungen Männer hält nicht lange an. Nach einer kurzen und schikanösen Grundausbildung durch den ehemaligen Briefträger Himmelstoß (John Wray) werden die Soldaten an die Front geschickt. Bei ihren ersten Einsätzen unter Führung der erfahreneren Soldaten Kat (Louis Wolheim) und Tjaden (Slim Summerville) müssen die Jungen schnell einsehen, dass das Massensterben im Stellungskrieg nur wenig mit ihren Vorstellungen vom heldenhaften Kämpfen für das Vaterland gemein hat …

Während der Film in den USA ein großer Erfolg war und bei der dritten Oscar-Verleihung im Oktober 1930 als bester Film ausgezeichnet wurde, war Im Westen nichts Neues bei seiner Erstveröffentlichung in Deutschland sehr umstritten. Obwohl das deutsche Publikum im Dezember 1930 bereits nur eine entschärfte Version zu sehen bekam, wurde das Werk von rechter Seite als antideutsch bezeichnet und der Versuch unternommen, ein Verbot des Films zu bewirken. Unter Führung von Joeseph Goebbels schleusten sich sogar SA-Angehörige in Vorstellungen ein, um nationalsozialistische Parolen zu brüllen, Mäuse freizulassen und gewaltsam gegen die Kinobesucher vorzugehen. Schließlich wurde der Film eine Woche nach seiner Premiere mit einem Aufführungsverbot belegt. Begründet wurde dies damit, dass er die öffentliche Ordnung gefährde, die Wehrmacht herabsetze und das internationale Ansehen Deutschlands schädige. Die Produktionsfirma Universal wollte den wichtigen deutschen Markt jedoch nicht so schnell aufgeben. 1931 wurde deshalb eine noch stärker geschnittene Fassung veröffentlicht und das Studio sicherte den deutschen Behörden zu, in allen Ländern außerhalb der USA nur noch diese Version des Films zu zeigen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Film in Deutschland schließlich vollständig verboten.

Heute gilt Im Westen nichts Neues als einer der besten Antikriegsfilme aller Zeiten. Besonders die technische Umsetzung ist auch aus heutiger Perspektive noch sehr beeindruckend. Viele Szenen wurden unter freiem Himmel, vor einem weit in die Tiefe gehenden Hintergrund und mit hoher Tiefenschärfe gefilmt, was für eine Zeit, in der meistens in Filmstudios gedreht wurde, eher ungewöhnlich ist. Gleichzeitig kann der Film mit einer sehr mobilen Kamera aufwarten, was der Inszenierung insgesamt einen recht modernen und realistischen Eindruck verleiht.

So beginnt die erste Szene des Films mit einer Militärparade, die durch eine kleine deutsche Stadt zieht. Die Kamera zeigt die marschierenden Soldaten und fährt anschließend ohne Schnitt rückwärts durch das Fenster eines Klassenzimmers, in dem ein Lehrer (Arnold Lucy) seinen Schülern einen Vortrag darüber hält, warum sie sich freiwillig für den Kriegsdienst melden sollten. Während dieses Monologs fährt die Kamera weiter rückwärts durch die Reihen der Schüler, bis das ganze Klassenzimmer zu sehen ist, mit den marschierenden Soldaten immer noch vor den Fenstern. Erst dann wird auf einen Nahaufnahme des Lehrers geschnitten. Durch diese lange, ungebrochene Einstellung verleiht Milestone der Szene einen fast dokumentarischen Eindruck, wodurch sie deutlich wirkungsvoller ist, als wenn sie mit der konventionellen Schnitttechnik inszeniert worden wäre. Die Vereinigung von Militärparade und Schulunterricht in einer Aufnahme verdeutlicht außerdem symbolisch die Militarisierung der gesamten deutschen Gesellschaft zu dieser Zeit.

Auch die Kampfszenen waren in ihrem Realismus lange Zeit unerreicht. So entstand Stanley Kubricks Wege zum Ruhm (1957), der auf der französischen Seite des Ersten Weltkriegs spielt, fast 30 Jahre später, ist in der Inszenierung der Kriegshandlungen aber nur kaum moderner als Milestones Film. Anders stellt sich die Situation auf der inhaltlichen Ebene dar. Denn während die pazifistische Aussage von Im Westen nichts Neues natürlich gerade vor Hintergrund des nur wenige Jahre später ausbrechenden Zweiten Weltkriegs positiv zu bewerten ist, ist die Form, wie diese Aussage an das Publikum vermitteln werden soll, etwas plump.

Kurze Zeit nach der Ankunft an der Front gibt es eine Szene, in der sich die Männer über ihre Situation unterhalten. Schnell kommen sie zu dem Schluss, dass die Soldaten aller am Krieg teilnehmenden Nationen überhaupt nicht gegeneinander kämpfen wollen, sondern dies alles nur deswegen passiert, weil die Staatsoberhäupter und Generäle den Krieg wollen und brauchen. Die Szene wirkt sehr deutlich wie ein Moment, in dem die Filmemacher ihre eigenen Ansichten zum Thema direkt formulieren, statt dem Publikum zuzutrauen, seine eigenen Schlüsse aus den gezeigten Kriegsgräueln zu ziehen. Wäre dies als einzelner Moment noch zu verkraften, wiederholt der Film seine Thesen im weiteren Verlauf immer wieder, als sollten die Zuschauer/innen auf diese Weise zu einer pazifistischen Lebenseinstellung erzogen werden.

Dies könnte auch filmgeschichtliche Hintergründe haben. Im Westen nichts Neues ist ein recht früher Tonfilm, parallel wurde auch eine Stummfilmfassung gedreht, die in Kinos gezeigt wurde, die noch nicht auf die neue Technik umgestellt hatten. Beim Ansehen der vertonten Version könnte man den Eindruck bekommen, dass die Filmemacher das Gefühl hatten, möglichst viel gesprochenen Text unterbringen zu müssen. Zusätzlich zu den bereits genannten belehrenden Passagen gibt es nämlich etliche Dia- und Monologe, in denen die Bedeutung der Geschehnisse oder die Gefühle des Protagonisten für das Publikum ausformuliert werden. Diese Textdichte nimmt den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht nur den Raum, das Gesehene selbst zu reflektieren, sondern ist bei einer Laufzeit von über zwei Stunden auch recht ermüdend.

Dieser einflussreiche Klassiker des Anti-Kriegsfilms ist insgesamt ein zweischneidiges Schwert: Während durch die technisch perfekte Umsetzung viele Szenen auch heute noch sehr beeindrucken können, irritiert vor allem in der zweiten Hälfte ein ständiges Ausformulieren von Thesen und Gefühlen durch die handelnden Figuren, das keinen Raum für eigene Gedanken und Interpretationen lässt.

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