Freitag, 17. Juli 2020

Umzug

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Montag, 4. Juli 2016

Filmkritik: Frankenstein (1931)

Jeder kennt Frankensteins Monster. Während der durchschnittliche Passant in der Fußgängerzone wohl nur wenig Kenntnisse über das Kino der 30er Jahre besitzt, wird ein Bild des Monsters mit dem kantigen Gesicht und den Schrauben im Hals fast immer auf Wiedererkennung stoßen. Obwohl der Einfluss von Frankenstein (1931), in dem das berühmteste Monster der Filmgeschichte seinen ersten Auftritt hatte, wohl kaum zu überschätzen ist, muss das natürlich nicht bedeuten, dass es sich wirklich um einen guten Film handelt. Dieser Frage möchte ich daher in meinem heutigen Artikel nachgehen.

Hauptfigur des Films ist nicht das Monster, sondern der Wissenschaftler Henry Frankenstein (Colin Clive). Zurückgezogen in einem verfallenen Turm geht er mit Hilfe seines buckligen Assistenten Fritz (Dwight Frye) biologischen Experimenten nach, weil er aufgrund seiner grenzüberschreitenden Forschungen aus der Universität geworfen wurde. Henrys Ziel ist es Leben zu erschaffen, auch wenn es dafür nötig ist, nachts auf Friedhöfen kürzlich beerdigte Leichen wieder auszugraben, um die Körper als Material zu benutzten. Seine Verlobte Elisabeth (Mae Clarke) und sein ehemaliger Professor Waldman (Edward Van Sloan) versuchen, den sich immer stärker in seine Forschungen hineinsteigernden Wissenschaftler zur Besinnung zu bringen, doch ohne Erfolg: Sie können nur hilflos mit ansehen, wie das von ihm aus Leichenteilen zusammengesetzte Wesen per Blitzschlag zum Leben erweckt wird …

Das auf Kurzfilme und B-Movies spezialisierte Filmstudio Universal Pictures nutze Anfang der 30er Jahre eine Marktlücke aus: Keines der großen Hollywoodstudios war zu dieser Zeit bereit, Horrorfilme zu produzieren und so entschied sich Universal dafür, mit vergleichsweise kleinem Budget die zwei bekanntesten Gruselgeschichten des 19. Jahrhunderts zu verfilmen: Bram Stokers Dracula und Mary Shelleys Frankenstein. Als Vorlage diente jeweils nicht der Roman selbst sondern eine Bühnenadaption der Geschichte. Den 1931 veröffentlichten Filmfassungen merkt man diese Herkunft deutlich an: Die aus meist statischen Kameraeinstellungen aus der Halbtotalen oder Halbnahen gefilmten Dialoge erinnern deutlich an ein abgefilmtes Theaterstück, weshalb der Inszenierungsstil dieser Werke im Vergleich zu Stummfilmadaptionen wie Nosferatu (1922) eher als Rückschritt zu werten ist. Dass Frankenstein dennoch stellenweise mit beeindruckenden Bildern aufwarten kann, liegt daher weniger an der Regie von James Whale (der seine Wurzeln ebenfalls im Theater hat), sondern vor allem am expressionistischen Bühnenbild von Herman Rosse und dem ikonischen Monster-Make-Up von Jack P. Pierce.

Wirklich gruselig ist der Film selbst für damalige Zuschauer wahrscheinlich nur an wenigen Stellen gewesen. Ein recht großer Teil der Laufzeit wird auf Gespräche zwischen den Angehörigen des Protagonisten verwendet, deren größte Sorge es zu sein scheint, dass Henry Frankenstein durch seinen Arbeitseifer seine Hochzeit vergessen könnte. Der offenbar als Comic Relief geschriebene und gespielte Vater Baron Frankenstein (Frederick Kerr) sticht hierbei besonders negativ hervor. Es gibt inhaltlich jedoch auch interessante Facetten: Hier ist vor allem die vielschichtige Charakterisierung des Monsters zu nennen. Während andere Universal-Unholde wie Dracula oder Die Mumie (1932) durchweg böse sind, verhält sich die von Boris Karloff gespielte lebende Leiche eher wie ein wildes Tier oder kleines Kind. Nachdem das Monster auf seiner Flucht aus der Gefangenschaft bereits zwei Menschen ermordet hat, geschieht die Tötung eines kleinen Mädchens auf solch eine unschuldige und naive Art und Weise, dass diese Szene noch lange nach dem Ansehen des Films in Erinnerung bleibt. Ab diesem Zeitpunkt kann man nur noch Mitleid mit dem Monster haben, das mit seinen traurigen Augen und seinem trottenden Gang nun vor der gesamten Dorfgemeinschaft fliehen muss …

Frankenstein ist für heutige Zuschauer natürlich nicht mehr besonders gruselig und einige Dialogszenen zwischen den Nebenfiguren könnte man sogar als langweilig zu bezeichnen. Dennoch ist dieser Klassiker durch das ansprechende Design und den interessanten Antagonisten auch 85 Jahre nach seiner Premiere noch sehenswert.

Mittwoch, 18. November 2015

Filmkritik: Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1 (2014)

Morgen startet mit Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2 der vierte Teil der Spielfilmadaption der dystopsichen Jugendbuchtrilogie in den deutschen Kinos. Zur Einstimmung heute eine Kritik zu Mockingjay – Teil 1, in dem die jugendliche Protagonistin Katniss Everdeen erstmals nicht in einer Arena gegen Gleichaltrige antreten muss.

Seit der erfolgreichen Veröffentlichung von Die Tribute von Panem – The Hunger Games im Jahr 2012 hat es eine ganze Reihe von dystopischen Jugendbuchverfilmungen gegeben. Die unterschiedlichen Franchises übertrumpfen sich hierbei vor allem in der Unglaubwürdigkeit ihres Settings: Da werden Jugendliche in Labyrinthe eingesperrt, die gesamte Bevölkerung zwangsweise nach Persönlichkeitsmerkmalen sortiert (und wehe, jemand hat zwei) oder das Empfinden von Emotionen und Wahrnehmen von Farben(!) wird durch Medikamente unterdrückt. Der Trendsetter dieses Genres ist im Vergleich angenehm realistisch: Eine Diktatur verspricht ihrer Bevölkerung Sicherheit und Ordnung, nimmt ihr dafür jedoch Freiheit und Reichtum. Außerdem wird jährlich ein Wettkampf abgehalten: Bei den sogenannten Hungerspielen sendet jeder der zwölf Distrikte des Landes zwei zufällig ausgewählte Jugendliche in eine Arena, wo diese vor laufenden Fernsehkameras in einem Kampf auf Leben und Tod gegeneinander antreten.

Jennifer Lawrence
Diese Grundidee ist in ihrer Mischung aus Running Man (1987) und Battle Royale (2000) zwar nicht unbedingt revolutionär, aber immerhin einigermaßen glaubwürdig. Der erste Teil der Filmreihe, der eine Ausgabe der Hungerspiele aus Sicht der Teilnehmerin Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) erzählt, funktioniert dabei vor allem durch seine sehr guten Darsteller und eine gelungene Regie, krankt aber ein wenig an dem Problem, eine eigentlich sehr blutrünstige Story so inszenieren zu müssen, dass diese für ein jugendliches Publikum geeignet ist. Der zweite Teil, Catching Fire (2013), geht dann zum Glück etwas andere Wege: Vor allem die erste Hälfte des Films konzentrierte sich darauf, die Funktionsweise des von Präsident Snow (Donald Sutherland) geführten Regimes zur zeigen und dessen Versuche, Katniss für propagandistische Zwecke einzusetzen. Wenn es dann in der zweiten Hälfte des Films erneut in die Arena geht, fühlt sich dies fast wie ein Rückschritt an.

Das dritte Buch der Reihe wurde, wie es seit Harry Potter immer üblicher wird, für die Verfilmung in zwei Teile geteilt. Etwas schwierig ist hierbei, dass die Buchvorlage zu Mockingjay mit gut 400 Seiten kaum mehr als halb so lang ist wie Rowlings Die Heiligtümer des Todes. Während die Handlung bei Harry Potter daher in den beiden Filmen trotz Aufteilung recht flott erzählt wird, merkt man Mockingjay – Teil 1 an einigen Stellen durchaus an, dass der Stoff die insgesamt mehr als vier Stunden Laufzeit nicht so wirklich hergibt. Während das Problem freilich niemals die Ausmaße von Peter Jacksons Hobbit-Trilogie annimmt (siehe meine Kritik zu Eine unerwartete Reise), gibt es deshalb durchaus Szenen (zum Beispiel die Jagd im Wald), die ein wenig überflüssig oder unnötig ausgedehnt wirken.

Julianne Moore (2014)
Die Handlung geht dabei deutlich andere Wege als in den ersten beiden Teilen: Nach der erfolgreichen Sabotage der Hungerspiele am Ende des letzten Teils findet sich Katniss traumatisiert in einem Rebellenstützpunkt unter der Oberfläche des seit dem letzten Bürgerkrieg eigentlich völlig verlassenen Distrikt 13 wieder. Unter Führung von Präsidentin Alma Coin (Julianne Moore) hat sich hier eine Gruppe von Menschen versammelt, die daran arbeitet, die Herrschaft des Kapitols endgültig zu beenden. Während Katniss in Catching Fire für Propaganda der Regierung eingesetzt wurde, findet sie sich nun in der Position wieder, für die Gegenseite eine ähnliche Rolle einzunehmen. Eine Aussicht, der sie anfangs mit einer gesunden Portion Skepsis begegnet. Diese Zurückhaltung beginnt nach dem Besuch ihres Heimatdistriktes, der als Vergeltungsaktion von der Regierung völlig zerstört wurde, jedoch bald zu schwinden und die junge Frau entwickelt sich mehr und mehr zur Symbolfigur der Revolution.

Dieses Mal begibt sich der Film nach dieser Einführung glücklicherweise nicht erneut in die Arena, sondern konzentriert sich auf den Kampf gegen Snows verbrecherisches Regime. Hierbei schafft es Regisseur Francis Lawrence mit Hilfe der gelungenen Filmmusik von James Newton Howard einige emotional sehr wirksame Momente zu inszenieren. Wenn Katniss an einem Fluss beginnt ein Lied zu singen und dann zu einer Gruppe Menschen geschnitten wird, die dasselbe Lied singend losziehen, um einen Staudamm zu sprengen, ist dies in seiner Revolutionsromantik durchaus wirkungsvoll. Und auch die zwischenmenschlichen Konflikte sind interessant: Peeta, der in den ersten beiden Teilen an Katniss' Seite gekämpft hat, ist nun unerwartet in Propaganda-Spots des Kapitols zu sehen, in denen er zu einem Waffenstillstand aufruft. Während er hierfür von den anderen Rebellen verachtet wird, glaubt Katniss, dass er vom Kapitol zu diesen Aussagen gezwungen wird.

Auch wenn Mockingjay – Teil 1 im Grunde mitten in seiner Geschichte endet, ist es den Machern gelungen, einen spannenden Höhepunkt zu inszenieren, der dem Film einen geschlossenen Eindruck verleiht. Die gelegentlich auftretenden Logiklöcher und anderen Schwächen werden hierbei gut durch die hervorragenden Darsteller wieder aufgewogen. Besonders Jennifer Lawrence schafft es mit ihrem nuancierten Spiel, der Protagonistin eine Tiefe zu verleihen, die die eigentliche Story nur in seltenen Momenten besitzt.

Auch der dritte Ausflug nach Panem liefert wieder gutes Popcorn-Kino. Durch den Verzicht auf ein erneutes Zeigen der Hungerspiele und eine Konzentration auf den dystopischen Kern der Geschichte wirkt der Film keineswegs wie ein lahmer Aufguss seiner Vorgänger sondern bildet die logische Fortsetzung einer Heldenreise, die nur ein Ende kennen kann: Die engültige Konfrontation zwischen Katniss Everdeen und Präsident Snow.


Urheber des Fotos von Jennifer Lawrence ist Gage Skidmore. Es steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) .
Urheber des Fotos von Julianne Moore ist Georges Biard. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).