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Mittwoch, 17. Juli 2013

Werkschau: Die Filme von Stanley Kubrick (Teil 2)

Aufgrund meiner Master-Arbeit hatte ich in den letzten Monaten leider keine Zeit, mich um meinen Blog zu kümmern. Jetzt ist diese Hürde jedoch überwunden und daher gibt es heute endlich die zweite Hälfte der Werkschau zu den Filmen von Stanley Kubrick.

➡ Werkschau: Die Filme von Stanley Kubrick (Teil 1)

2001: Odyssee im Weltraum (1968)

Eine Gruppe von Vormenschen lebt in der Nähe eines Wasserloches. Sie ernähren sich rein vegetarisch und leben in Frieden, bis eines Tages einer von ihnen eine folgenreiche Entdeckung macht....
Ein paar Millionen Jahre später reist Dr. Heywood Floyd (William Sylvester) mit einem Raumschiff zum Mond. Nach offiziellen Berichten ist eine Mondkolonie unter Quarantäne gesetzt worden, nachdem dort eine ansteckende Krankheit ausgebrochen ist. Was wirklich auf dem Mond geschehen ist, unterliegt strengster Geheimhaltung...
Das Raumschiff Discovery macht sich einige Monate nach den Ereignissen auf dem Erdtrabanten auf eine geheimen Mission zum Jupiter. Die Astronauten David Bowman (Keir Dullea) und Frank Poole (Gary Lockwood) wissen nichts über den Grund ihrer Reise und sehen sich bald mit einer Fehlfunktion ihres Bordcomputers HAL 9000 konfrontiert...

2001: A Space Odyssey gilt als einer der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten und ist gleichzeitig einer der ungewöhnlichsten. Ein großer Teil des Films kommt völlig ohne Dialoge aus, im Vordergrund steht vor allem ein symbolträchtiges Zusammenspiel von beeindruckenden Bildern und klassischer Musik. Es gibt nur wenig Handlung und doch unterliegt dem Film bis zum Schluss eine unvergleichliche Spannung, da Kubrick sich strikt weigert, das Geheimnis, das alle drei Geschichten verbindet, erschöpfend zu erklären. Die Frage, ob wir alleine im Weltall sind, wird deutlich verneint und dennoch gibt es in diesem Film keinen einzigen Außerirdischen zu sehen. Lediglich im letzten Viertel nehmen die Abstraktionen und die Symbolik ein wenig Überhand, aber insgesamt ist 2001 ein betörendes und ohne Frage Kubricks künstlerisch anspruchsvollstes Werk.


Uhrwerk Orange (1971)

Malcolm McDowell (2011)
London in einer nahen Zukunft. Der jugendliche Alex (Malcolm McDowell) und seine Droogs verbringen ihre Zeit mit Drogen und Gewalt. Sie prügeln sich mit verfeindeten Gangs, schlagen einen Obdachlosen zusammen und zwingen einen Schriftsteller bei der Vergewaltigung seiner Frau zuzuschauen. Eines Tages landet Alex jedoch durch den Verrat seiner Freunde wegen Mordes im Gefängnis und hört dort von einer neuartigen Therapie, die es ihm ermöglichen könnte, schon bald wieder ein ‚freier‘ Mensch zu sein...

Filme mit gewalttätigen Protagonisten müssen sich häufig den Vorwurf gefallen lassen, revisionistische Standpunkte zu vertreten, indem sie Gewalt als ein Mittel darstellen, das notwendig ist, um gegen das Böse zu siegen. A Clockwork Orange hingegen zeigt mit Alex einen Menschen, der selbst das Böse zu repräsentieren scheint: Seine Gewalt ist vollkommen zwecklos, sie dient lediglich seiner eigenen Belustigung in einer Zukunft, die durch Hoffnungslosigkeit und Tristesse geprägt ist. Es wird dem Zuschauer unmöglich gemacht, Alex' Handeln in irgendeiner Weise zu rechtfertigen und dennoch ist uns dieser Protagonist durch seine Intelligenz und seine Liebe zu Klassischer Musik seltsam sympathisch. Die fortlaufende Handlung vergrößert dieses Dilemma noch weiter: Denn so grausam Alex' Taten auch sind, erweisen sie sich bald als das geringere Übel zu einer Form der Konditionierung, die an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten ist.
Eine unbequeme Satire, die konsequent auf den moralischen Zeigefinger verzichtet und den Zuschauer zwingt, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Unterstützt durch großartige elektronische Musik, ein stilvolles Bühnenbild und die gewohnt beeindruckende Kameraarbeit gelingt Kubrick mit Uhrwerk Orange ein Meisterwerk der Filmgeschichte.


Barry Lyndon (1975)

Irland im 18. Jahrundert. Der Landadelige Redmond Barry (Ryan O'Neal) gewinnt ein Duell gegen einen britischen Offizier und muss flüchten, um den strafrechtlichen Konsequenzen zu entgehen. Es beginnt eine Reise durch Europa, bei der Barry im Siebenjährigen Krieg dient, als Spion für die Preußische Armee arbeitet, der gute Freund eines adeligen Falschspielers wird und schließlich die schöne und wohlhabende Lady Lyndon heiratet. Barry scheint es geschafft zu haben, doch wer hoch aufsteigt, der kann auch tief fallen...

Nach zwei Werken, die sich mit der Zukunft beschäftigten entschied sich Kubrick, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten und drehte so seinen ersten Historienfilm seit Spartacus. Barry Lyndon ist vor allem durch seine Bilder berühmt geworden. Denn nicht nur durch Musik, Kostüme und Schauplätze lässt Kubrick das 18. Jahrhundert wiederauferstehen, auch die Bildkompositionen werden dem Thema gerecht, da sie durch Gemälde aus dieser Epoche beeinflusst sind. So ist der Film insgesamt ein ästhetisch sehr reizvolles Filmerlebnis. Leider wird die erzählte Geschichte hierbei fast zur Nebensache. Wenn auch einige Szenen eine emotionale hohe Intensität hervorbringen können, wird insgesamt beinahe völlig auf das Aufbauen von Spannung verzichtet, was zusammen mit der dreistündigen Laufzeit die Geduld des Zuschauers doch ziemlich stark in Anspruch nimmt.


Shining (1980)

Der erfolglose Autor Jack Torrance (Jack Nicholson) bekommt eine Tätigkeit als Hausmeister in einem Hotel in den Bergen angeboten. Über die Wintermonate ist das Hotel geschlossen und seine Aufgabe ist es, lediglich darauf zu achten, dass die Heizungen nicht ausfallen. Jack nimmt an und zieht mit seiner Familie ins Overlook-Hotel. Doch die Einsamkeit an dem abgelegenen Ort ist nicht jedermanns Sache: Schon etwa zehn Jahre zuvor hatte ein Hausmeister in dem Hotel seine Familie mit einer Axt erschlagen...

Stanley Kubricks erster und einziger Ausflug in das Horror-Genre entfernt sich relativ weit von Stephen Kings Buchvorlage, kann aber dennoch überzeugen. Es ist beeindruckend, wie Kubrick es schafft, mit nur wenig Gewaltdarstellungen und dem Verzicht auf das für das Genre so typische Spiel mit der Dunkelheit konstant eine bedrohliche Atmosphäre zu halten. Die berühmten Steadicam-Fahrten durch die menschenleeren Flure des Hotels (das freischwebende Kamerasystem war erst einige Jahre zuvor von Garret Brown entwickelt worden) sind hierfür ebenso maßgeblich wie die schauderhafte elektronische Filmmmusik von Wendy Carlos, die bereits bei Uhrwerk Orange mit Kubrick zusammengearbeitet hatte. Aber auch aus den Schauspielern holte Kubrick alles heraus, was in ihnen steckte: Selten kann man eine so überzeugende Darstellung von hysterischer Panik auf dem Bildschirm betrachten, wie sie Shelley Duvall als Jacks Frau Wendy hier abliefert. Ein weiteres Meisterwek, dessen Bilder, wie die geisterhaften Zwillinge und die aus einem Fahrstuhl kommende Welle von Blut, in die Filmgeschichte eingegangen sind. Und schon wie in 2001 bleibt vieles in diesem Film unerklärt. Sowohl der Monolith als auch das Overlook-Hotel sind bewusste Leerstellen, die der Zuschauer mit seinen eigenen Interpretationen füllen muss.


Full Metal Jacket (1987)

Matthew Modine (2008)
'Private Joker' (Matthew Modine) hat sich entschieden, ein Marine zu werden und muss auf Parris Island die unmenschliche Ausbildung des Drill-Seargents Hartman (R. Lee Ermey) über sich ergehen lassen. Während Joker bald zum Gruppenführer ernannt wird, bricht der übergewichtige Private Pyle (Vincent D'Onofrio) unter der psychischen Belastung des Drills zusammen. Als Joker schließlich nach Vietnam geschickt wird, ist er hin- und hergerissen zwischen seiner kritischen Einstellung gegenüber dem Krieg und seiner Freude darüber, endlich kämpfen zu dürfen...

Nachdem Wege zum Ruhm ein deutlicher Anti-Kriegsfilm war, hatte Kubrick den Wunsch, einen weiteren Film über dieses Thema zu machen, der sich jedoch eines moralischen Urteils über die gezeigten Geschehnisse enthält und Ausbildung und Krieg so zeigt, wie sie tatsächlich sind. Im Mittelpunkt steht hierbei die innere Entwicklung des Protagonisten Joker, der zu einem Killer ausgebildet wurde, und dennoch versucht, sich seine Menschlichkeit zu bewahren. Durch das hervorragende Set-Design, die intensiven Steadicam-Fahrten, tolle Schauspieler und den Verzicht auf den moralischen Zeigefinger gelingt Kubrick einer der besten Kriegsfilme aller Zeiten.


Eyes Wide Shut (1999)

Der erfolgreiche New Yorker Arzt Bill Harford (Tom Cruise) und seine Frau Alice (Nicole Kidman) haben einen Streit, bei dem Alice Bill eröffnet, in einem gemeinsamen Urlaub mit dem Gedanken gespielt zu haben, fremdzugehen. Bill ist erschüttert, wird dann aber zu einem Hausbesuch gerufen, da einer seiner langjährigen Patienten gestorben ist. Es folgt eine traumhafte nächtliche Odyssee durch New York, in der sich Bill viele Möglichkeiten zu bieten scheinen, seinerseits seine erotischen Phantasien auszuleben...

Passiert das alles wirklich, was Kubrick uns in diesem Film zeigt, oder entspringen Bills nächtliche Erlebnisse lediglich seiner Fantasie? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht und für den Genuss des Films ist sie auch nicht besonders wichtig. Die Verfilmung der Traumnovelle von Arthur Schnitzler hält sich trotz der Verlegung der Handlung vom Wien des beginnenden zum New York des ausgehenden 20. Jahrhunderts relativ nah an ihre Vorlage. Dies führt vielleicht auch dazu, dass der Film ein wenig altmodisch daherkommt und deshalb von vielen Kritikern als eines von Kubricks weniger gelungenen Werken gesehen wird. Dennoch ist Eyes Wide Shut ein interessanter, spannender und auch stellenweise recht humorvoller Film über die sexuellen Obsessionen seiner Protagonisten und ein würdiger Abschluss für das Lebenswerk Kubricks, der kurz nach der Fertigstellung der finalen Schnittfassung im Alter von 70 Jahren verstarb.


Die Filme von Stanley Kubrick wurden zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht immer wohlwollend von Presse und Publikum aufgenommen. Rückblickend lässt sich jedoch erkennen, dass es sich bei Kubrick um einen der wichtigsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts handelt. Kaum ein anderer Regisseur hat mit so vielen unterschiedlichen Genres gearbeitet und dabei Werke geschaffen, die sich immer deutlich von der Masse abhoben, ohne je unzugänglich zu werden. Und auch wenn mir nicht jeder Film von Stanley Kubrick gleich gut gefallen hat, sind sie doch alle äußerst sehenswert und sollten von keinem Filmfan links liegen gelassen werden.

Literaturtipp:
Georg Seeßlen / Fernand Jung: Stanley Kubrick und seine Filme, Schüren-Verlag 2008

Urheber des Bildes von Malcolm McDowell ist Georges Biard. Urheber des Bildes von Metthew Modine ist David Shankbone. Beide Fotos stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Freitag, 22. März 2013

Werkschau: Die Filme von Stanley Kubrick (Teil 1)

Stanley Kubrick gilt als einer der wichtigsten Filmemacher aller Zeiten. Viele Regisseure betonen den großen Einfluss, den Kubricks Filme auf ihr eigenes Schaffen hatten, unter ihnen Größen wie Martin Scorsese, Stephen Spielberg und Christopher Nolan. Kubrick legte sich nie auf ein bestimmtes Genre fest, in seinem Lebenswerk finden sich Vertreter der Gattungen Drama, Thriller, Krimi, Kriegsfilm, Science-Fiction, Komödie, Historienfilm und Horror. Nachdem ich schon Kritiken zu einzelnen Filmen veröffentlicht habe, möchte ich nun einen Überblick über das Gesamtwerk dieses außergewöhnlichen Regisseurs geben. Heute in Teil 1 geht es um die frühen Filme Kubricks von 1956 bis 1963.


Die Rechnung ging nicht auf (1956)

Nach drei Dokumentarfilmen und zwei eher wenig erfolgreichen Spielfilmen war The Killing der erste Film, mit dem Kubrick einem größeren Publikum bekannt wurde. In ihm stellt der gerade erst aus dem Gefängnis entlassene Johnny Clay (Sterling Hayden) ein Team zusammen, um eine Pferderennbahn zu überfallen. Möglich wird dies vor allem durch die Einbeziehung des auf der Bahn arbeitenden George Peatty (Elisha Cook), der jedoch, wie die meisten anderen Mitglieder der Gruppe, keinerlei Erfahrung in kriminellen Aktivitäten hat...

Die Rechnung ging nicht auf besticht vor allem durch seine ungewöhnliche Erzählweise. So erfährt der Zuschauer zunächst nichts genaues darüber, wie der Überfall genau gelingen soll, stattdessen wird die Motivation der einzelnen Mitglieder des Teams deutlich gemacht. Der Coup selbst wird dann mehrmals hintereinander aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, doch bis zur letzten Wiederholung immer kurz vor dem Ende abgebrochen, so dass es bis zuletzt spannend bleibt, ob der Überfall gelingen wird oder nicht. Auch positiv hervorzuheben sind die Darsteller und die ausgezeichnete Kameraarbeit. Dennoch ist die Story insgesamt recht typisch für das Genre des Film Noir und die Figuren auch eher eindimensional entworfen. Kubricks inszenatorisches Talent ist hier jedoch bereits deutlich zu erkennen.


Wege zum Ruhm (1957)

Kirk Douglas als Colonel Dax
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Der erste Weltkrieg. Die Front zwischen Frankreich und Deutschland hat sich verhärtet, seit Jahren schon finden erbitterte Kämpfe in den Schützengräben statt. General Mireau (George Macready) beschließt aus Karrieregründen, einen Angriff auf die naheliegende Anhöhe Ant Hill zu befehlen, obwohl er weiß, dass dieser Angriff hohe Verluste bedeuten würde. Colonel Dax (Kirk Douglas) weigert sich zuerst, seine Truppen in den sicheren Tod zu führen, doch als Mireau droht, ihn zu suspendieren, gibt Dax nach. Der Angriff schlägt fehl und Mireau beschließt, an den Soldaten ein Exempel zu statuieren...

Im Gegensatz zu anderen Filmen Kubricks sind die Grenzen zwischen Gut und Böse in diesem Film relativ deutlich gezogen. Mireau bleibt bis zum Schluss des Filmes ein kühl berechnender Fiesling, während Kirk Douglas (wie so oft) den idealistischen Helden verkörpert. Dennoch ist Paths of Glory ein gelungener Film. Dies liegt zum einen an der beeindruckenden Inszenierung: Die langen Kamerafahrten durch das Tunnelsystem und bei der Schlacht haben eine starke Sogwirkung, ein Stilmittel, das zu einem Markenzeichen von Kubrick werden sollte. Auch die Schauspieler sind ausgezeichnet, bis auf Timothy Carey, der in seiner Darstellung des Soldaten Ferol leider ein wenig zum Overacting neigt.


Spartacus (1960)

Der Sklave Spartacus (Kirk Douglas) wird an einen Ausbilder für Gladiatoren (Peter Ustinov) verkauft und zettelt aus Liebe zu der Sklavin Varinia (Jean Simmons) einen Aufstand an. Die Gruppe beschließt, alle Sklaven in ganz Italien zu befreien. Die Machthaber in Rom versuchen alles, um dies zu verhindern, doch die Mitglieder des Senats sind auch untereinander zerstritten...

Spartacus ist der einzige Film Kubricks, bei dem der Regisseur nicht am Drehbuch beteiligt war. Denn ursprünglich sollte noch Anthony Mann Regie führen, der sich jedoch mit Kirk Douglas zerstritt. Das Ergebnis ist ein Film, der ziemlich untypisch für Kubrick ist, aber dennoch einen gelungenen, bildgewaltigen Sandalenfilm mit tollen Schauspielern abgibt. Vor allem Peter Ustinov und der in einer weiteren Nebenrolle auftretende Charles Laughton sind grandios.
➡ Filmkritik zu Spartacus (1960)


Lolita (1962)

Humbert Humbert (James Mason) sucht Quilty (Peter Sellers) in seinem Landhaus auf und erschießt ihn. Den Grund für diesen Mord erzählt der Film in einer langen Rückblende: Humbert ist vernarrt in Lolita (Sue Lyon), die jugendliche Tochter seiner Vermieterin Charlotte (Shelley Winters). Immer stärker werden Humberts Gefühle, bis er sogar beschließt, Charlotte zu heiraten, nur um der Tochter nahe sein zu können. Doch da entdeckt Charlotte eines Tages Humberts Tagebuch...

Vor allem die erste Szene dieser Verfilmung des berühmt-berüchtigten Romans von Vladimir Nabokov ist sehr beeindruckend. Wie der völlig betrunkene Quilty bis zuletzt nicht realisiert, in welcher Gefahr er sich befindet, während der aufgewühlte Humbert versucht, der Situation ein kleines bisschen Würde zu verleihen, ist wirklich grandios. Leider erreicht der Film nie wieder die Spannung dieser ersten Minuten, doch vor allem durch die guten Schauspieler ist Lolita dennoch ein sehenswerter Film.
➡ Filmkritik zu Lolita (1962)


Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Peter Sellers als Dr. Seltsam
© Sony Pictures Home Entertainment
Während des Kalten Krieges kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall: Der General Jack D. Ripper (Sterling Hayden) verliert den Verstand und beschließt, einen Notfallplan in Gang zu setzen, der es ihm erlaubt, seinen Bomberpiloten den sofortigen Angriff auf die Sowjetunion zu befehlen. Präsident Muffley (Peter Sellers) versucht die Situation durch einen Anruf beim russischen Premierminister zu entschärfen, doch muss er erfahren, dass, wenn auch nur eine Bombe fällt, automatisch eine nicht deaktivierbare Weltuntergangsmaschine ausgelöst wird. Hilfe erhofft sich Muffley von dem deutschstämmigen Atomwissenschaftler Dr. Seltsam (Peter Sellers)...

Diese gelungene Farce auf die Idiotie des atomaren Wettrüstens war ursprünglich als Drama geplant, doch Kubrick bemerkte schnell das komische Potenzial, das dieser Geschichte zugrunde liegt. Für die komischen Dialoge war der Schriftsteller Terry Southern zuständig, doch es wurde auch viel improvisiert, vor allem von Peter Sellers, der hier in einer Dreifachrolle brilliert (neben den genannten Figuren verkörpert er noch einen englischen Captain, der vergeblich versucht, Ripper zur Vernunft zu bringen). Auch George C. Scott überzeugt als ein einfältiger General, der bis zuletzt von der militärischen Potenz(!) seiner Bomberflotte begeistert ist.
➡ Filmkritik zu Dr. Seltsam (1964)


Schon diese Filme hätten wohl ausgereicht, um Stanley Kubrick als einen ungewöhnlichen und talentierten Regisseur in die Filmgeschichte eingehen zu lassen, doch seine beiden Meisterwerke sollten erst noch kommen. Freut euch schon auf den zweiten Teil meiner Werkschau zu den Filmen von Stanley Kubrick!

Freitag, 17. August 2012

Werkschau: Die Filme von Christopher Nolan

The Dark Knight Rises, der nun schon seit drei Wochen in den deutschen Kinos läuft, war erwartungsgemäß ein voller Erfolg. Inzwischen gehört Regisseur Christopher Nolan in den USA mit Einspielergebnissen von insgesamt über 1,5 Milliarden Dollar zu den zehn finanziell erfolgreichsten Regisseuren aller Zeiten – dabei hat der 42-Jährige bisher gerade mal acht Spielfilme veröffentlicht. Zeit, sich einmal das Gesamtwerk des in London geborenen Filmemachers anzuschauen.


Christopher Nolan
(sbclick, CC-BY-2.0)
Following (1998)
Nach einigen Kurzfilmen produzierte Nolan seinen ersten abendfüllenden Spielfilm noch mit einem bescheidenen Budget von 6.000 $ und mit der Hilfe von Freunden und Familie. In Following verfolgt der erfolglose Schriftsteller Bill fremde Leute, um Inspiration für seine Arbeit zu bekommen. Eines Tages wird er dabei jedoch von dem zwielichtigen Einbrecher Cobb erwischt. Die beiden freunden sich an und Bill willigt ein, ein paar Einbrüche mit Cobb zu machen. Doch dann lernt er eine mysteriöse Blonde kennen, die ihn warnt, Cobb nicht zu vertrauen...
Wie auch Christopher Nolans spätere Werke ist Following extrem spannend und die niedrigen Produktionskosten wirken sich in keinem Moment negativ aus. Die nicht-chronologische Erzählweise dieses am Film Noir orientierten Thrillers ist, im Gegensatz zum späteren Memento, jedoch nicht durch die Handlung motiviert und wirkt daher wie ein recht willkürlicher Kniff, um die doch ziemlich konventionelle Story etwas aufzupeppen. Auch die Auflösung ist ein wenig konstruiert. Für ein Debüt jedoch beeindruckend und durchaus sehenswert.

Memento (2001)
In Christopher Nolans erstem von einem größeren Studio vertriebenen Film spielt Guy Pierce einen Mann, der den Mord an seiner Frau rächen will. Da er aber an einer speziellen Form der Amnesie leidet, ist er nicht in der Lage, neue Erinnerungen zu speichern und muss daher alle Informationen, die er hat, aufschreiben und die wichtigsten auf seinen Körper tätowieren. Doch woher weiß man, wem man trauen kann, wenn man alle, die sich als Freunde ausgeben, immer wieder zum ersten Mal trifft?
Nolan bedient sich in diesem Film eines außergewöhnlichen Stilmittels: Der Film springt zwischen zwei Handlungssträngen hin und her. Während der erste (in schwarz/weiß gedrehte) chronologisch erzählt wird, ist der zweite (farbige) in einer umgekehrt chronologischen Reihenfolge montiert. Hierdurch teilt der Zuschauer mit dem Protagonisten die Erfahrung, immer wieder in Szenen "aufzuwachen" ohne zu wissen, was kurz vorher passiert ist. Am Ende treffen sich die beiden Handlungsstränge in einer verstörenden Auflösung. Durch diese einmalige Seherfahrung und die gut durchdachte Story gehört Memento zu den besten Filmen, die Nolan bisher verwirklicht hat.

Insomnia – Schlaflos (2002)
In diesem Remake eines schwedischen Thrillers spielt Al Pacino einen Polizisten, der in Alaska einen Mordfall aufklären soll. Da gerade Mitternachtssonne herrscht, leidet der Ermittler jedoch an Schlaflosigkeit, die zu folgenschweren Fehlern führt...
Insomnia ist ein gut gemachter zwischen Melancholie und Spannung balancierender Thriller, der jedoch ein paar Längen aufweist und im Gegensatz zum restlichen Werk Nolans überraschend konventionell ist. Positiv herauszuheben sind allerdings die schauspielerischen Leistungen von Al Pacino und Robin Williams.

Batman Begins (2005)
Mit dem ersten Film von Nolans "Dark Knight"-Trilogie beweist der Regisseur, dass man eine Comic-Verfilmung auch durchaus ernst nehmen kann. Die Geschichte, die sich vor allem darauf konzentriert, wie Bruce Wayne zu Batman wurde, fesselt und fasziniert, lediglich an einigen Stellen reiben sich ein wenig die teils skurrilen Charaktere (z.B. Scarecrow, ein Bösewicht mit Kartoffelsack-Maske) und der Ernst der Umsetzung. Dies ändert aber nicht, dass Batman Begins durch Geradlinigkeit und heroischem Pathos zu den besten Comic-Verfilmungen der Filmgeschichte gehört.

Prestige – Die Meister der Magie (2006)
Ende des 19. Jahrhunderts in London: Zwei befreundete Zauberer zerstreiten sich und versuchen sich in Folge mit ihren Tricks zu übertrumpfen. Dafür schrecken beide Männer nicht vor den grausamsten Methoden zurück...
Ein gelungener Historienfilm mit Science-Fiction-Elementen über zwei Männer, die die Möglichkeit eines normalen Lebens ihrer Leidenschaft opfern, das Publikum zu verzaubern. Eine Geschichte, die natürlich auch als Metapher auf die Arbeit des Regisseurs lesbar ist. Und Nolan schafft es tatsächlich zu verzaubern mit diesem bis in die Nebenrollen perfekt besetzten Film.

The Dark Knight (2008)
Der zweite Teil der Batman-Saga ist der bisher erfolgreichste Film Nolans mit Einnahmen von über 500 Millionen Dollar alleine in den Vereinigten Staaten. Batman bekommt es mit dem Joker zu tun, einem unberechenbaren Bösewicht, der es nicht auf das große Geld abgesehen hat, sondern darauf, Gotham City ins Chaos zu stürzen. Batman beginnt seine eigenen moralischen Regeln zu verletzen, als der Joker den Konflikt auf eine persönliche Ebene hebt...
The Dark Knight fesselt vor allem durch die Unberechenbarkeit des Jokers, der, grandios gespielt von Heath Ledger, Batman beinahe die Show stiehlt. Durch beeindruckende Actionszenen und eine hochgradige Spannung fesselt der zweite Teil zwar noch deutlich mehr als sein Vorgänger, lässt allerdings ein wenig die ruhigeren Momente vermissen. Auch wenn The Dark Knight für viele Nolans Meisterwerk ist, macht er den ersten Teil daher keinesfalls überflüssig.

Inception (2010)
Ein Geschäftsmann wird überwältigt und zusammen mit einem Team aus sechs Leuten an eine Maschine angeschlossen, die gemeinsames Träumen ermöglicht. Auf vier parallel ablaufenden Traumebenen, die sich gegenseitig beeinflussen, wird nun versucht, diesem eine Idee in sein Gedächtnis einzupflanzen: Dass er das von seinem Vater geerbte Unternehmen auflösen muss.
Hochgradige Spannung, bahnbrechende Actionszenen und eine komplexe Story machen Inception vor allem im Kino zu einem einmaligen Erlebnis. Doch bei genauerem Hinsehen ist die Geschichte über das Eintauchen in immer tiefere Traumebenen erstaunlich mehrdimensional: So lässt sie sich sowohl als eine moderne Abwandlung des antiken Motivs der Reise in die Unterwelt sehen als auch als einen an die Psychologie C. G. Jungs angelehnte Geschichte über die Notwendigkeit, sich seinem Unbewussten zu stellen. Durch die vielen Interpretationsmöglichkeiten und die philosophischen Themen ist Inception meiner Meinung nach der bisher beste von Nolans Action-Filmen. 

The Dark Knight Rises (2012) 
Auch in Nolans bisher letztem Film gibt es Action am laufenden Band: Batman ist eigentlich im Ruhestand, doch als der furchteinflößende Bane auftaucht, um Gotham City dem Erdboden gleich zu machen, schlüpft Bruce Wayne ein letztes Mal in seinen Anzug. Wie bereits in meiner Kritik erläutert ein eher enttäuschender Abschluss der Batman-Reihe, der zwar durchaus unterhält und auch einige sehr starke Szenen zu bieten hat, aber im Endeffekt an seinem für Nolans Verhältnisse unterdurchschnittlichem Drehbuch krankt.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Christopher Nolans Filme, ob mit oder ohne Action, immer eine fesselnde Angelegenheit sind und sich durch kreative Einfälle und intelligente Geschichten deutlich von anderen Thrillern und Action-Filmen der letzten Jahrzehnte abheben. Auch wenn Nolan damit noch nicht in der selben Liga spielt wie z.B. Alfred Hitchcock oder Stanley Kubrick, so gehört er doch zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren. Ich persönlich hoffe, dass sich Nolan nach drei Action-Krachern in Folge als nächstes wieder eine etwas ruhigere Geschichte à la Memento oder Prestige widmen wird.